Mamagarten?

Tag 1: Es lebe die Murmelbahn!

Es ist soweit: Mein kürzlich drei Jahre alt gewordenes „Baby“ hat heute seinen ersten Kindergartentag. Ich bleibe mit dem Kleinen, in einigen Tagen wird er dann – hoffentlich – allein hier verweilen. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich aufgeregt, ein wenig traurig, aber auch erfreut: Denn ab heute werde ich nach einigen Jahren Kinder-Vollzeit-Betreuung die Vormittage nur für mich haben – na, und fürs Schreiben, den ganzen Haushalts-, Hof- und Gartenkram. Als K. noch ausschließlich zu Hause war, schaufelte ich mir während seines Mittagsschlafs oder eben abends ein paar Stunden frei, um zu schreiben. Als Freischaffende hatte und habe ich noch immer das Privileg, mir die Zeit fürs Arbeiten selbst einzuteilen und sehr viel für die Kinder da zu sein.

Glück hat auch mein Kleiner: Er kennt den Kindergarten bereits von seinem sechsjährigen Bruder (der seit ein paar Tagen ein waschechtes Schulkind ist): Es ist dieselbe Einrichtung, die gleiche Gruppe, in die K. ab heute gehen wird. Sein großer Bruder überließ ihm beim Kindergartenabschied sogar sein Gruppenzeichen: die schüchtern dreinblickende Robbe: „Möchtest Du mein Zeichen?“ – „Jaaa!“ Und mein Herz schmolz dahin.

Wir kommen an und wissen sofort, wo wir alles ablegen oder hinstellen, an welchen Haken wir die Jacke und den Rucksack hängen müssen. K. zieht sich ganz stolz allein die Hausschuhe an und bringt seine Straßenschuhe zum Regal. Es läuft gut mit mir an seiner Seite. Er baut mit den Erzieherinnen und anderen Kindern eine Murmelbahn. Um elf gehen wir nach Hause – es ist ein guter Vormittag.

Tag 2: ein erster kurzer Abschied

Heute darf ich kurz allein nach Hause gehen und eben die Regenklamotten holen. Einige Kinder wollen draußen auf dem Spielplatz mit der Wasserbahn und Booten spielen. Es ist kein Problem für K., ich komme direkt wieder und halte mich im Hintergrund zur Verfügung. Wie schön er mit der Erzieherin interagiert. Ein wenig wehmütig sehe ich den beiden beim Buddeln, Bauen und Spielen zu. Mein Kleiner ist „groß“ geworden.

Tag 4: Mamagarten?

Ich bereite K. frühmorgens darauf vor, dass ich heute nach der Verabschiedung wieder nach Hause gehen und arbeiten muss. Er will nicht in den Kindergarten, sagt er. Doch, revidiert er, er möchte schon. Aber nur, wenn ich immer mit dortbleibe. „Das geht leider nicht, Schatz. Der Kindergarten ist doch nur für Kinder“, erwidere ich. Mein kleiner Sohn beginnt zu weinen. „Mama, dann soll das ein Mamagarten werden; dann kannst du bleiben.“ Es bricht mir fast das Herz, aber schmunzeln muss ich auch, denn es klingt so süß, was er da sagt. Als wir ankommen, übergebe ich ihn der Erzieherin. Etwas zu schnell, denn K. weint. Ich gehe trotzdem um die Ecke und höre, wie er sich in Windeseile wieder beruhigt. Das fühlt sich doch schon etwas mies an. Morgen bleibe ich noch ein paar Minuten länger – bis er so weit ist.

Tag 7: zwischen den Schleich-Tieren

K. hat inzwischen eine eigene – cool, es ist auch meine! – Strategie entwickelt: Ich soll noch etwas mit in den Gruppenraum kommen, mich dann auf einen Hocker bei der Kiste mit den Schleich-Tieren setzen und dann noch etwas warten. Ein paar Minuten reichen aus, dann lässt er sich von den Erzieherinnen in ein Spiel verwickeln.

Tag 9: kurz und knapp, Mama weg

Jeden Morgen fragt mich K. viele Male, ob ich noch mit ihm im Kindergarten bleibe. Geht klar. Heute geht es aber schnell: K. geht mit seiner Erzieherin. Sie setzen sich auf einen Spielteppich und bauen prompt eine Murmelbahn, ich gehe. Und es kullern keine Tränen. Ich hingegen werde schon wieder etwas sentimental.

Tag 14: Mama, das ist doch ein Kindergarten!

Als ich heute Morgen auf dem Hocker bei den Schleich-Tieren sitze und damit herumhantiere, passiert es. K. nimmt meinen Kopf in seine Hände, schmatzt mir ein feuchtes Küsschen auf den Mund und sagt das, was ja eines Tages kommen musste. „Mama, das ist doch ein Kindergarten. Kein Mamagarten!“

0

Liebling, unser Kind schrumpft!

Kindchenschema adé

„Mama, nimm mich hoch!“ Mein Sechsjähriger steht vor mir und hebt weinend die Arme; lang ist er geworden, total schlaksig. Wie gut erinnere ich mich an die anstrengenden Zeiten, in denen er diese vier Worte eigentlich ständig zu mir sagte. Da war mein Sohn etwa zwei Jahre alt. Wann ist eigentlich sein Babyspeck verschwunden? Wann sind seine Gesichtszüge so gereift?

Kindchenschema adé: Mein P. ist definitiv kein Kleinkind mehr. Seit ein paar Tagen ist er ein Schulkind – und hat sich in ein Wesen verwandelt, das ich manchmal gar nicht wiedererkenne.  Was ist da los? Welchen Entwicklungsschub macht der arme Kerl da jetzt gerade wieder durch? Klar, sein Körper wächst und mit ihm sein Verständnis für die Welt. Fragen über Fragen stellt er – manchmal klingeln mir regelrecht die Ohren. Doch sein Inneres scheint zurzeit zu schrumpfen: Er benimmt sich wieder wie ein Kleinkind.

„Mama, du hast K. viel lieber als mich“

Auf dem Tisch vor mir liegt das Buch „Wackeln die Zähne – wackelt die Seele“. Ich bin bereit. Dann mal her mit Information und gutem Rat. Die Autorinnen Monika Kiel-Hinrichsen und Renate Kviske behaupten Folgendes: Kinder im Alter wie mein ältestes befinden sich in einer Art Pubertät, der sogenannten Wackelzahn-Pubertät, die man im Volksmund auch als „Sechs-Jahres-Krise“ bezeichnet. Jedenfalls beschreiben die Damen in dem Werk sehr anschaulich, wie wenig unser Junge aktuell allen anderen Menschen traut – und am wenigsten aber wohl sich selbst. Oho! Und genau das lässt er seine Umgebung momentan auch spüren.

„Mama, Du hast K. viel lieber als mich“, sagt er über seinen um fast genau drei Jahre jüngeren Bruder. „Mich liebst Du gaaar nicht, Du kümmerst Dich nur um den!“ Sätze wie diesen sagt er aktuell manchmal aus heiterem Himmel und schaut mich dann so seltsam an. Auf eine Reaktion wartend, abschätzend, prüfend. Da müssen wir jetzt wohl alle gemeinsam einfach durch – am besten mit viel Lachen …

Mein Kind glaubt – nein, er weiß für sich: Niemand liebt mich

P. kommt aus der Schule. Er ist müde. Klar, lernen ist anstrengend. Ausruhen möchte er nicht, aber mit mir spielen. Er schlägt „Mensch ärgere Dich nicht“ vor. Oh-oh. Meine Alarmglocken schrillen. Heute wird das höchstwahrscheinlich nach hinten losgehen – und nicht so sehr viel mit Lachen zu tun haben. Erste Runde. Mein Sohn verliert – und die Erde bebt. Ich sehe, wie sich sein kleiner Körper verkrampft. Er will das Spiel noch einmal von vorn beginnen. Und schummelt. Er will nicht mehr spielen. Er weint. Doch dann: Mein Sohn gewinnt! Puh, da habe ich aber jetzt Glück. Doch nicht. Die Erde bebt trotzdem …

Steht dazu auch was in meinem schlauen Buch? Ich lese und verinnerliche: Der Sechsjährige glaubt – nein, er weiß für sich: Niemand liebt mich. Und jetzt habe ich auch noch gewonnen! Da hat Mama mich ja noch weniger lieb! Gewinnen möchte ich aber trotzdem ..

Was für ein Dilemma! In seiner Haut möchte ich wirklich nicht stecken. Ich atme tief durch und beschließe, erst einmal das Mittagessen fertigzustellen. Während die Zwiebeln vor sich hin brutzeln, denke ich an den inzwischen verstorbenen dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Und wie er einmal gesagt hat, dass man seine Familie als ein spannendes und neues Projekt betrachten soll, „dessen einzelne Teilnehmer nicht von vornherein bestens qualifiziert sind.“ Beruhigend, finde ich und nehme mir fest vor, mir das so oft es geht vor Augen zu
halten.

„Mama, DU sollst mir die Schuhe anziehen!“ – Das kann er doch schon lange allein…

Nach dem Mittagessen möchte P. „in Ruhe“ sein Hörbuch hören. Das geht klar, eine kleine Pause käme auch mir sehr gelegen. Pustekuchen. Der kleine Bruder – seit zwei Tagen im Kindergarten – kommt angerannt und möchte mit P. spielen. „Nein!“, brüllt der da plötzlich los. Und mein Kind Nummer zwei, das selbst unglaublich müde ist, erschrickt natürlich so sehr, dass er das Weinen beginnt. Na toll.

Einige Zeit später. Ich muss noch einkaufen. „Mama, DU sollst mir die Schuhe anziehen!“ Wie bitte? Das kann mein „Großer“ doch schon lange allein. Genau das gebe ich ihm verbal zu verstehen. „K. ziehst Du auch immer an, ich will das auch!“ Aha, daher weht der Wind. Na gut, dann gebe ich heute mal nach und helfe ihm damit. Denn es ist wirklich ein anstrengender Tag, und ich muss zusehen, dass wir alle da unfallfrei und unbeschadet durchkommen.

Zurzeit muss ich wirklich stark sein

Ich habe jetzt also einen „Wackelzahn-Pubertierenden“ und ein Kleinkind in der Autonomiephase, das neu in der Kita ist. Und beide Lebensphasen haben folgende Parallelen: die Euphorie auf der einen und das Betrübte auf der anderen Seite. Das Auf-und-ab, das Hin-und-her, die Launenhaftigkeit, die innere Zerrissenheit, die Ohnmacht, die Wut, das Chaos. Beide Kinder wissen zur Zeit einfach nicht, wo sie hin sollen mit all ihrer Energie, ihrer neuen Kraft, ihren Gefühlen. Und sie streiten und streiten. Ach ja, und sie streiten.

Zurzeit muss ich wirklich stark sein. Doch dass ich ihnen ihre Freiheiten gebe und sie ihnen an anderer Stelle wieder nehme – je nachdem, wie es gut für sie ist und sie es gerade brauchen – ist manchmal wie ein ziemlich schmerzhafter Spagat. Aber ich weiß ja: Das alles gehört zum Größerwerden dazu. Unsere Kids lösen sich wieder ein Stück von uns Eltern, sie werden selbständiger. Und genau diese wachsende Autonomie macht ihnen dann wiederum Angst, und sie suchen Halt bei uns.

„Mama, ich bin doch kein Baby mehr!“

Wie sich das wohl für mein frischgebackenes Schulkind und meinen Kita-Zwerg anfühlen mag? Den Alltag, so wie beide Jungs ihn bisher kannten, gibt es nicht mehr. Die Veränderung wirkt bedrohlich und fremd, doch zugleich ist da diese unbändige Neugierde, die Spannung und Vorfreude auf das Neue. Ich werde ein bisschen traurig und muss schlucken. Bestimmt ging es mir damals als kleines Mädchen genauso.

Und da steht er nun vor mir, mein nicht mehr ganz kleiner, aber eben auch noch nicht sehr großer Sechsjähriger. Er hat sich das Knie gestoßen – heute übrigens schon zum zehnten Mal oder so – und weint fast wie damals, als er noch ganz klein war. Es scheint, als würde er am liebsten in mich hineinkriechen. Ich nehme ihn hoch und halte ihn ganz fest. Sein Kopf liegt auf meiner Schulter. „Mein kleiner Schatz“, sage ich liebevoll und leise, während ich ihn etwas wiege. Entsetzt hebt er den Kopf und schaut mich an. „Mama, ich bin doch kein Baby mehr!“

0

Wo ist Omas Seele?

„Mama, sei nicht so traurig.“
Mein bald Sechsjähriger streicht mir mit seiner immer noch ziemlich kleinen Hand etwas unbeholfen und dennoch selbstsicher über die Wange. Oh Gott, mein Herz …
Seine braungrünen Augen spiegeln sein sanftes, mitfühlendes Wesen wider. Seine immer länger werdenden braunen Haare umfließen das feine Gesicht, in dem ich oft mich selbst und oft auch seinen Vater erahne.

P. schaut jetzt ebenfalls traurig. „Mama, mach‘ Dir keine Sorgen. Omas Seele ist doch hier bei uns.“
Ich horche auf.
„Sie spielt jetzt was mit uns. Jetzt gerade. Wirklich!“
Wie kann das sein? Es überkommt mich, ich weine – und niemand hat etwas dagegen. Ist das schön, was mein Sohn da sagt. Und wie standhaft, unerschütterlich, felsenfest er daran glaubt …

Was bleibt
Nicht meine eigene Mutter, sondern meine Schwiegermutter ist vor einer Weile verstorben – im Januar. Und doch fühlt es sich manchmal an, als wäre es erst gestern gewesen. Doch gestern war kalt, schnell und gierig. Unbarmherzig und dennoch gnädig …
In einem „guten“ Alter war sie, so sagt man: Sie hatte Mitte Achzig fast erreicht. Nicht jung, nicht zu alt, sie hat wohl jedenfalls nicht gelitten an ihrem Ende, behaupten die Ärzte.
Leider ist das nur ein schwacher Trost, denn sie fehlt. Uns allen.

Das Beben ihres kleinen, im Alter rundlich gewordenen Körpers beim Lachen. Die spitzbübisch funkelnden Augen. Das bisweilen sehr energische Wesen, der halblange, graue Pagenschnitt. Ihr „Was soll’s!“ und ihr „Scheiß drauf.“ Das Glas Sekt, nichts Süßes, eher trocken bitte.

Die Mutter meines Mannes, die Großmutter meiner beiden kleinen Jungs und meiner Nichte. „Die mit den drei Überraschungseiern“, weiß P. Wie lange mein älterer Sohn das wohl sagen wird? Immerhin wird er sich an sie erinnern. Der kleine K. hat noch keine Ahnung. Irgendwie ist das auch gut so.
Aber es ist auch so traurig. Denn Oma war prima. Ich wünschte, sie würde auch ihm im Gedächtnis bleiben. Aber was tatsächlich bleibt, ist sie. In K. In P. In ihrem Sohn, ihrer Tochter, ihrer Enkelin … und auch in mir, obwohl wir genetisch nichts teilen. Wir hatten etwa etwa elf gemeinsame, geliebte und gelebte Jahre.

Ich wollte und möchte immer noch, dass ihr Tod uns alle noch enger zusammenschweißt, uns in Liebe und Geborgenheit miteinander „zurücklässt“.

Die Aufbahrung
P. umfasst das Bein seines Vaters. Der bis zuletzt bei Oma C. war. Genau, wie dessen Schwester M. und seine Nichte M. – eine tolle, einfühlsame, und so bodenständige Krankenschwester. Was für ein Team. Ich bin stolz.

P. guckt skeptisch, aber nicht ängstlich. Ich habe ihn auf die – wie er es nennt – „Aufbewahrung“ vorbereitet. Soweit es denn ging. (Geht so etwas überhaupt?)
Oma wird dann anders aussehen, blass. Sie wird nicht schlafen. Nein, sie wird tot sein. Sie ist tot. Ihre Augen werden nur deshalb geschlossen sein, weil man sie geschlossen hat … Aber sie schläft nicht. Ich möchte nicht, dass P. glaubt, seine Oma sei im Schlaf gestorben. Ich möchte nicht, dass er Ängste entwickelt. Verhindern werde ich wohl nichts dergleichen je können, denn Angst kommt. Und geht hoffentlich.
Ich selbst verspüre jetzt gerade eine unbändige Angst.

Es ist soweit.
Auf mich wirken alle soweit „gefasst“, als wir sie sehen. Ich bilde mit meinem bald drei Jahre alten K. auf dem Arm das Schlusslicht, als wir eintreten. Ehrlich gesagt halte ich ihn oben, weil ich so das Gefühl habe, mich hinter ihm verstecken zu können.
Ich halte ihn gewissermaßen umklammert.
Und ich bin es dann auch, die nicht an sich halten kann und sehr und laut weinen muss. Alle weinen natürlich, aber ich muss wirklich die Hand vor den Mund drücken. „Muss“ ich das wirklich? Ich glaube, ich muss. Es tut so weh. Oma tut mir so leid. Immerzu denke ich nur: die Arme.

Und P.?
Sagt, als wir wieder zu Hause sind: „Sei nicht traurig, Mama. Sie ist mit Gott.“
Ja, wirklich?
„Und spielt mit uns Lego.“
Das wäre schön.

0

Mama, ICH mach‘ das!

Knapp vor sieben Uhr morgens. Der Wecker klingelt …
Nicht. Denn ich habe ja ein aufgewecktes Kleinkind. K. weckt mich also mit „Hallo, Mama!“ und einem unglaublich feuchten Liebesküsschen. Süüüß. Wahrhaftig schön, so aufzuwachen (mir schmilzt das Herz … ) – wenn draußen nicht diese grausame Dunkeheit wäre … (Wann ist das eigentlich passiert?!)
Wir stillen noch ein bisschen (ja, liebe Langzeitstillgegner, das tun wir noch ziemlich oft!), das gibt mir Zeit, wach zu werden. Aber dann muss ich auch schon stramm Gewehr bei Fuß stehen (Woher kommt eigentlich diese Redewendung? Das ist doch was für meinen nächsten Beitrag oder?).

K. tappelt zum Lichtschalter. Bämm! Gnadenlose Helligkeit. Ich ziehe die bunte Bettdecke über den Kopf und grummele so vor mich hin. „Mmmmmmmmmmmm …“
Ich will noch nicht aufstehen … Zu meiner Mutter habe ich früher immer gesagt: „Nur noch fünf Minuuuuten.“ Heute geht das natürlich nicht mehr.

„Mama! Aufdeeeh’n!“ Der Zweijährige kommt, zieht mir energisch die Decke weg, springt auf mich drauf. Autsch. Die Wirbelsäule … Fünfzehn Kilo sind schon eine Menge.
„Kassee machen.“ Hm? Kaffee, ja, gute Idee. Dass der schon weiß, was Kaffee ist … (Ich muss an meiner Verziehung arbeiten … )
Ich stehe auf, tapse ins Bad. „Ich mach Licht an!“ Ruft der kleine Tyranno-Benglus K. – und weckt dabei gleich noch seinen Vater und Bruder, die eben noch tief im Familienbett schlummerten.

Nein, denke ich – immer noch auf dem Klo sitzend – jedenfalls zutiefst erschüttert, bitte nicht, es ist mir zu hell … Bämm! Dong! Da ist sie wieder. Diese Helligkeit. K. trottet – falsch, eigentlich rennt er – ins Kinderzimmer, kommt mit ein paar Autos wieder. „Mama, Du mitspiel’n!“ Jetzt?! Ich muss doch bitte erst mal wach werden … „Mamaaaaaaaaa!!!“ Oh Gott, steh‘ mir bei. „Hallo … ja, geht mir guhuuut. Und Dir? Komm, wir fahren Kaffee machen.“ Zusammen steigen wir die Wendeltreppe hinunter. Längst kann er allein hinuntersteigen, aber seit ein paar Tagen fordert er wieder meine Hand – egal, was da komme, egal, was ich sonst noch trage, egal …“ Egal. (Was ist _das_ nun eigentlich wieder für ’ne Phase? Rhetorische Frage. Muddi weiß natürlich bescheid, ha!)

„Ich mach‘ Licht an!“ Jaja, ist ja schon gut. Mach Du mal. Ich möchte Wasser in den Kocher füllen. „Mama, ich mach das!“ Jawoll ja. Dann hol mal Deinen Stuhl. Mhm. Ja, schieb ihn an die Spüle. Gut so. Vorsicht, nicht so weit aufmachen, den Wasserhahn … ja, so ist gut. Prima! (Wie gut er das macht!)
Ich nehme die Kanne des Wasserkochers, möchte den Deckel wieder schließen, um ihn der Elektronik nahe zu bringen – in  der Hoffnung auf lecker kochendes Wasser … (Gleich schlafe ich ein …)

„Ich mach das!!“ Entschuldigung. Hab‘ ich kurz vergessen. Klaro. (Ich bin so fehlerhaft.) Vooooorsicht, okay. „Ich mach Schalter an.“ Geschafft.  Das Wasser beginnt zu kochen, der Kaffeegenuss naht …
Und das jeden Morgen.
Und es ist erst der Morgen.
Irgendwie schön, irgendwie anstrengend.
Ich bin glücklich darüber, ich bin müde.
Ich bin …
Mutter.
(Hier bitte das Herz einfügen.)

0

Yogitee hat immer recht

Yogitee – hat immer recht?

Lange habe ich überlegt, ob ich das Folgende hier und jetzt veröffentlichen soll – so ganz echt und richtig konsequent ohne Passwortschutz. Und ich weiß eigentlich auch gar nicht so recht, wie ich etwas derart Komplexes überhaupt beschreiben soll …
Eine kürzlich von mir auf Facebook gestartete Umfrage zum Thema „Spricht man in der Öffentlichkeit über psychische Leiden?“ hat mich zum Ja bewegt. Genau wie die Aussage einer lieben Berliner Freundin: „Ja, es gehört doch zu uns.“ Zu uns? Ja, denn sie ist auch betroffen.
Einfacher macht mir den Einstieg auch der Yogitee, den ich gerade trinke, der mir die kalten Finger wärmt und das brennende Herz beruhigt: „Ein entspannter Geist ist kreativ“ lautet der tiefgründige Spruch auf dem Teebeutelanhänger. Beige Schrift auf braunem Untergrund. Sieht schön aus. Gestaltung und Geschmack schmeicheln meiner Seele. Im Hintergrund läuft ein entspannendes Café-Del-Mar-Album. Ein etwas älteres. Eines von denen, die noch so richtig gut waren.

Yogitee hat immer recht
Ja, stimmt das? Ist ein entspannter Geist kreativer als ein unentspannter? Ich frage auch danach auf Facebook. Jemand antwortet mir dazu: „Der Yogitee hat immer recht“. Dieses Zitat eignet sich doch wunderbar für einen Buchtitel. (Danke für die heutige Inspiration, lieber Michael.)
Ich überlege. Ja, stimmt sicher. Irgendwie jedenfalls. Aber kann jemand nicht auch kreativ sein, der gerade nicht entspannt ist? Der vielleicht nie richtig „ent-spannt“ ist. Der vielleicht sogar dauerangespannt – ja sogar … bedrückt ist?
Da ist er auch schon.  Mein Anfang.
Ich bin depressiv. Mit fiesen Panikattacken dann und wann. Jemand, der beim Anblick eines überfahrenen Vogels oder Igels schon weinen möchte (und es oft auch tut, meist aber heimlich, denn meine kleinen Kids sollen es nicht sehen).
Melancholisch und nachdenklich beobachtend war ich schon als kleines Mädchen, sagen meine Eltern. Ich weiß gar so nicht recht, wann das angefangen hat mit der Depression. Wahrscheinlich im Mutterleib, meine Mama und ihr Vater – ein Maler und Wortkünstler – neigen auch zu diesem Leiden. Ererbt also. Zu einem sehr großen Teil tragen allerdings auch diverse sehr unschöne Erfahrungen bei.
Ich kenne diese Gefühle also eigentlich schon mein Leben lang – mal mehr und mal wenig(er) heftig. Und beschreiben kann ich sie schon gar nicht. Nur darum bitten, sie anzunehmen, sie zu akzeptieren, sie bitte noch gesellschaftsfähiger werden zu lassen („salonfähig“, sagt meine Berliner Freundin). Denn eine Depression ist eine Krankheit wie jede andere auch. Nur, dass man sie eben nicht (sofort) sieht.

Heilung durch „Zusammenreißen“, Sport und Medikamente?
Die Krankheit, so heißt es, ist ein „Arschloch“. Stimmt, sie stinkt zum Himmel und haut sogar den stärksten Kerl um – oder eben die stärkste Frau. Wer noch nie wenigstens eine „depressive Episode“ im Leben durchgemacht hat, kann auch nicht nachvollziehen, was „Depression“ eigentlich bedeutet. Dabei bezeichnet der Begriff eigentlich schon ganz gut, was sie birgt: absolute Niedergeschlagenheit, gnadenlose Hoffnungslosigkeit, tiefschürfende Traurigkeit. Das Gefühl, nichts wird wieder gut … unbeschwert, beschwingt, heiter, lustig.
Bei mir dauert die aktuelle akute „Episode“ jetzt seit vergangenen Januar an. Es ist mal mehr und mal weniger schlimm. Ja, es gibt Mittel und Wege. Sport, Selbsthilfe, Medikamente … Aber ganz verschwindet diese Krankheit wohl nie. Sie ist ein Teil von mir. Ich lebe mit ihr.
Und ich wage jetzt den Schritt, darüber zu berichten. Warum mache ich das? Warum kehre ich mein Innerstes auf diese Weise nach außen? Bin ich denn bescheuert? Warum muss es im Internet sein? Was ist, wenn ich deshalb meinen Traumjob nicht bekomme … ? Und so weiter. Fragt mich ein Freund. Ich sei doch dermaßen angreifbar.
Na und? Eben weil: Es gehört zu mir!
Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen.
Aber vielleicht zeigt es anderen Betroffenen ja, dass sie nicht allein damit sind. Vielleicht trauen sie sich ja auch, darüber zu reden/schreiben.
Vielleicht bringt es uns ja alle näher zusammen …
Vielleicht finden wir Akzeptanz.

Leben, lachen, fröhlich sein – mit der Depression
Dieser Blogeintrag hier wird ganz sicher keine Abhandlung zu einem Thema, dass man im Internet oder in Fachbüchern sehr gut recherchieren kann. Er ist eigentlich mein persönlicher „Befreiungsschlag“. Seht alle her, ich bin depressiv. Ich bin jetzt keine „anonyme Depressive“ mehr. Und dabei habe ich mein Leben fest im Griff, stehe mit beiden Beinen (außer, wenn ich zuviel tagträume ;-)) fest im Leben, habe Familie, trage Verantwortung, kann fröhlich sein.
Mein kleines K. schläft gerade, mein großes P. ist im Kindergarten, ein waschechtes Vorschulkind – und plappert und plappert, wenn er wieder da ist. Ich habe jetzt also etwa anderthalb Stunden Zeit zum Schreiben und Arbeiten (was bei mir glücklicherweise das gleiche bedeutet). Zeit, um einen Artikel für ein Magazin zu beenden und hoffentlich diesen Blogeintrag. Danach muss Mutti an den Herd. Der Nachmittag gehört vollständig den Kindern. Wir wollen Herbstdekoration basteln. Also erst mal raus, Eicheln sammeln, Zierkürbisse besorgen, Laub bestaunen und so.
Ich habe einen wunderbaren „Job“ und viel Freude daran (ich meine jetzt nicht den als freie Journalistin, aber den liebe ich auch). Dennoch bin ich erschöpft. Sehne mich nach einer Auszeit. Natürlich gibt es nichts Schöneres als Kinder zu haben. Ohne Frage, was wäre ich unglücklich ohne meine Jungs! Das Leben wäre längst nicht mehr so bunt. Aber da ist eben auch diese ganz unglaubliche Fremdbestimmung … Jede Mama weiß, wovon ich spreche. Mütter, die das nicht kennen, sind entweder tiefenentspannt, auf Droge (an dieser Stelle bitte einen passenden Smiley einfügen) oder lügen. Das tun sie dann aber auch in anderen Lebenslagen.
Mein Mann  sagt, die Kinder würden nichts – oder zumindest nicht viel – von der Depression mitbekommen. Ich würde das alles prima hinbekommen. Was eigentlich? Mich zusammennehmen? Die Tage durchstehen? Mich darauf freuen, abends ins Bett gehen zu können, um allenfalls noch ein bisschen zu netflixen oder zu lesen?

Ich will, dass es aufhört.
Ich bin Ende Dreißig, fühle mich welkig und allein mit diesem Mist – obwohl ich es natürlich nicht bin. Und fertig geworden mit diesem Post bin ich auch nicht …
Vielleicht gesellt sich ja zur Depression auch die Midlifecrisis. Die ist ja aber auch nichts anderes als eine Form der blöden Krankheit.
Nachher im Gewusel mit den Kids und draußen in der Herbstsonne wird das bestimmt schon wieder anders sein. Ich werde mich besser fühlen. Dann wird wieder alles ziemlich gut sein. Die Luft, das Kinderlachen, die Farben …
Morgens und jetzt, vormittags, ist es am schlimmsten.
Ich will, dass es aufhört. Am besten jetzt sofort …

Heute habe ich leider kein lustiges  und positives Ende für euch. Leider. Aber vielleicht ja morgen wieder.
Ich mache mir jetzt aber noch einen Yogitee und hoffe, dass die auf dem Anhängerchen zu lesende Weisheit mir dieses Mal etwas mehr Mut beschert. Sowas wie „Alles wird eben doch so richtig gut“.

Wie ist das bei euch? Kennt ihr Depressionen? Ängste? Panik?
Erzählt mir ein bisschen davon. Teil euch mit. Ihr seid nicht allein.

 

 

0