Mama, ICH mach‘ das!

Knapp vor sieben Uhr morgens. Der Wecker klingelt …
Nicht. Denn ich habe ja ein aufgewecktes Kleinkind. K. weckt mich also mit „Hallo, Mama!“ und einem unglaublich feuchten Liebesküsschen. Süüüß. Wahrhaftig schön, so aufzuwachen (mir schmilzt das Herz … ) – wenn draußen nicht diese grausame Dunkeheit wäre … (Wann ist das eigentlich passiert?!)
Wir stillen noch ein bisschen (ja, liebe Langzeitstillgegner, das tun wir noch ziemlich oft!), das gibt mir Zeit, wach zu werden. Aber dann muss ich auch schon stramm Gewehr bei Fuß stehen (Woher kommt eigentlich diese Redewendung? Das ist doch was für meinen nächsten Beitrag oder?).

K. tappelt zum Lichtschalter. Bämm! Gnadenlose Helligkeit. Ich ziehe die bunte Bettdecke über den Kopf und grummele so vor mich hin. „Mmmmmmmmmmmm …“
Ich will noch nicht aufstehen … Zu meiner Mutter habe ich früher immer gesagt: „Nur noch fünf Minuuuuten.“ Heute geht das natürlich nicht mehr.

„Mama! Aufdeeeh’n!“ Der Zweijährige kommt, zieht mir energisch die Decke weg, springt auf mich drauf. Autsch. Die Wirbelsäule … Fünfzehn Kilo sind schon eine Menge.
„Kassee machen.“ Hm? Kaffee, ja, gute Idee. Dass der schon weiß, was Kaffee ist … (Ich muss an meiner Verziehung arbeiten … )
Ich stehe auf, tapse ins Bad. „Ich mach Licht an!“ Ruft der kleine Tyranno-Benglus K. – und weckt dabei gleich noch seinen Vater und Bruder, die eben noch tief im Familienbett schlummerten.

Nein, denke ich – immer noch auf dem Klo sitzend – jedenfalls zutiefst erschüttert, bitte nicht, es ist mir zu hell … Bämm! Dong! Da ist sie wieder. Diese Helligkeit. K. trottet – falsch, eigentlich rennt er – ins Kinderzimmer, kommt mit ein paar Autos wieder. „Mama, Du mitspiel’n!“ Jetzt?! Ich muss doch bitte erst mal wach werden … „Mamaaaaaaaaa!!!“ Oh Gott, steh‘ mir bei. „Hallo … ja, geht mir guhuuut. Und Dir? Komm, wir fahren Kaffee machen.“ Zusammen steigen wir die Wendeltreppe hinunter. Längst kann er allein hinuntersteigen, aber seit ein paar Tagen fordert er wieder meine Hand – egal, was da komme, egal, was ich sonst noch trage, egal …“ Egal. (Was ist _das_ nun eigentlich wieder für ’ne Phase? Rhetorische Frage. Muddi weiß natürlich bescheid, ha!)

„Ich mach‘ Licht an!“ Jaja, ist ja schon gut. Mach Du mal. Ich möchte Wasser in den Kocher füllen. „Mama, ich mach das!“ Jawoll ja. Dann hol mal Deinen Stuhl. Mhm. Ja, schieb ihn an die Spüle. Gut so. Vorsicht, nicht so weit aufmachen, den Wasserhahn … ja, so ist gut. Prima! (Wie gut er das macht!)
Ich nehme die Kanne des Wasserkochers, möchte den Deckel wieder schließen, um ihn der Elektronik nahe zu bringen – in  der Hoffnung auf lecker kochendes Wasser … (Gleich schlafe ich ein …)

„Ich mach das!!“ Entschuldigung. Hab‘ ich kurz vergessen. Klaro. (Ich bin so fehlerhaft.) Vooooorsicht, okay. „Ich mach Schalter an.“ Geschafft.  Das Wasser beginnt zu kochen, der Kaffeegenuss naht …
Und das jeden Morgen.
Und es ist erst der Morgen.
Irgendwie schön, irgendwie anstrengend.
Ich bin glücklich darüber, ich bin müde.
Ich bin …
Mutter.
(Hier bitte das Herz einfügen.)

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Yogitee hat immer recht

Yogitee – hat immer recht?

Lange habe ich überlegt, ob ich das Folgende hier und jetzt veröffentlichen soll – so ganz echt und richtig konsequent ohne Passwortschutz. Und ich weiß eigentlich auch gar nicht so recht, wie ich etwas derart Komplexes überhaupt beschreiben soll …
Eine kürzlich von mir auf Facebook gestartete Umfrage zum Thema „Spricht man in der Öffentlichkeit über psychische Leiden?“ hat mich zum Ja bewegt. Genau wie die Aussage einer lieben Berliner Freundin: „Ja, es gehört doch zu uns.“ Zu uns? Ja, denn sie ist auch betroffen.
Einfacher macht mir den Einstieg auch der Yogitee, den ich gerade trinke, der mir die kalten Finger wärmt und das brennende Herz beruhigt: „Ein entspannter Geist ist kreativ“ lautet der tiefgründige Spruch auf dem Teebeutelanhänger. Beige Schrift auf braunem Untergrund. Sieht schön aus. Gestaltung und Geschmack schmeicheln meiner Seele. Im Hintergrund läuft ein entspannendes Café-Del-Mar-Album. Ein etwas älteres. Eines von denen, die noch so richtig gut waren.

Yogitee hat immer recht
Ja, stimmt das? Ist ein entspannter Geist kreativer als ein unentspannter? Ich frage auch danach auf Facebook. Jemand antwortet mir dazu: „Der Yogitee hat immer recht“. Dieses Zitat eignet sich doch wunderbar für einen Buchtitel. (Danke für die heutige Inspiration, lieber Michael.)
Ich überlege. Ja, stimmt sicher. Irgendwie jedenfalls. Aber kann jemand nicht auch kreativ sein, der gerade nicht entspannt ist? Der vielleicht nie richtig „ent-spannt“ ist. Der vielleicht sogar dauerangespannt – ja sogar … bedrückt ist?
Da ist er auch schon.  Mein Anfang.
Ich bin depressiv. Mit fiesen Panikattacken dann und wann. Jemand, der beim Anblick eines überfahrenen Vogels oder Igels schon weinen möchte (und es oft auch tut, meist aber heimlich, denn meine kleinen Kids sollen es nicht sehen).
Melancholisch und nachdenklich beobachtend war ich schon als kleines Mädchen, sagen meine Eltern. Ich weiß gar so nicht recht, wann das angefangen hat mit der Depression. Wahrscheinlich im Mutterleib, meine Mama und ihr Vater – ein Maler und Wortkünstler – neigen auch zu diesem Leiden. Ererbt also. Zu einem sehr großen Teil tragen allerdings auch diverse sehr unschöne Erfahrungen bei.
Ich kenne diese Gefühle also eigentlich schon mein Leben lang – mal mehr und mal wenig(er) heftig. Und beschreiben kann ich sie schon gar nicht. Nur darum bitten, sie anzunehmen, sie zu akzeptieren, sie bitte noch gesellschaftsfähiger werden zu lassen („salonfähig“, sagt meine Berliner Freundin). Denn eine Depression ist eine Krankheit wie jede andere auch. Nur, dass man sie eben nicht (sofort) sieht.

Heilung durch „Zusammenreißen“, Sport und Medikamente?
Die Krankheit, so heißt es, ist ein „Arschloch“. Stimmt, sie stinkt zum Himmel und haut sogar den stärksten Kerl um – oder eben die stärkste Frau. Wer noch nie wenigstens eine „depressive Episode“ im Leben durchgemacht hat, kann auch nicht nachvollziehen, was „Depression“ eigentlich bedeutet. Dabei bezeichnet der Begriff eigentlich schon ganz gut, was sie birgt: absolute Niedergeschlagenheit, gnadenlose Hoffnungslosigkeit, tiefschürfende Traurigkeit. Das Gefühl, nichts wird wieder gut … unbeschwert, beschwingt, heiter, lustig.
Bei mir dauert die aktuelle akute „Episode“ jetzt seit vergangenen Januar an. Es ist mal mehr und mal weniger schlimm. Ja, es gibt Mittel und Wege. Sport, Selbsthilfe, Medikamente … Aber ganz verschwindet diese Krankheit wohl nie. Sie ist ein Teil von mir. Ich lebe mit ihr.
Und ich wage jetzt den Schritt, darüber zu berichten. Warum mache ich das? Warum kehre ich mein Innerstes auf diese Weise nach außen? Bin ich denn bescheuert? Warum muss es im Internet sein? Was ist, wenn ich deshalb meinen Traumjob nicht bekomme … ? Und so weiter. Fragt mich ein Freund. Ich sei doch dermaßen angreifbar.
Na und? Eben weil: Es gehört zu mir!
Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen.
Aber vielleicht zeigt es anderen Betroffenen ja, dass sie nicht allein damit sind. Vielleicht trauen sie sich ja auch, darüber zu reden/schreiben.
Vielleicht bringt es uns ja alle näher zusammen …
Vielleicht finden wir Akzeptanz.

Leben, lachen, fröhlich sein – mit der Depression
Dieser Blogeintrag hier wird ganz sicher keine Abhandlung zu einem Thema, dass man im Internet oder in Fachbüchern sehr gut recherchieren kann. Er ist eigentlich mein persönlicher „Befreiungsschlag“. Seht alle her, ich bin depressiv. Ich bin jetzt keine „anonyme Depressive“ mehr. Und dabei habe ich mein Leben fest im Griff, stehe mit beiden Beinen (außer, wenn ich zuviel tagträume ;-)) fest im Leben, habe Familie, trage Verantwortung, kann fröhlich sein.
Mein kleines K. schläft gerade, mein großes P. ist im Kindergarten, ein waschechtes Vorschulkind – und plappert und plappert, wenn er wieder da ist. Ich habe jetzt also etwa anderthalb Stunden Zeit zum Schreiben und Arbeiten (was bei mir glücklicherweise das gleiche bedeutet). Zeit, um einen Artikel für ein Magazin zu beenden und hoffentlich diesen Blogeintrag. Danach muss Mutti an den Herd. Der Nachmittag gehört vollständig den Kindern. Wir wollen Herbstdekoration basteln. Also erst mal raus, Eicheln sammeln, Zierkürbisse besorgen, Laub bestaunen und so.
Ich habe einen wunderbaren „Job“ und viel Freude daran (ich meine jetzt nicht den als freie Journalistin, aber den liebe ich auch). Dennoch bin ich erschöpft. Sehne mich nach einer Auszeit. Natürlich gibt es nichts Schöneres als Kinder zu haben. Ohne Frage, was wäre ich unglücklich ohne meine Jungs! Das Leben wäre längst nicht mehr so bunt. Aber da ist eben auch diese ganz unglaubliche Fremdbestimmung … Jede Mama weiß, wovon ich spreche. Mütter, die das nicht kennen, sind entweder tiefenentspannt, auf Droge (an dieser Stelle bitte einen passenden Smiley einfügen) oder lügen. Das tun sie dann aber auch in anderen Lebenslagen.
Mein Mann  sagt, die Kinder würden nichts – oder zumindest nicht viel – von der Depression mitbekommen. Ich würde das alles prima hinbekommen. Was eigentlich? Mich zusammennehmen? Die Tage durchstehen? Mich darauf freuen, abends ins Bett gehen zu können, um allenfalls noch ein bisschen zu netflixen oder zu lesen?

Ich will, dass es aufhört.
Ich bin Ende Dreißig, fühle mich welkig und allein mit diesem Mist – obwohl ich es natürlich nicht bin. Und fertig geworden mit diesem Post bin ich auch nicht …
Vielleicht gesellt sich ja zur Depression auch die Midlifecrisis. Die ist ja aber auch nichts anderes als eine Form der blöden Krankheit.
Nachher im Gewusel mit den Kids und draußen in der Herbstsonne wird das bestimmt schon wieder anders sein. Ich werde mich besser fühlen. Dann wird wieder alles ziemlich gut sein. Die Luft, das Kinderlachen, die Farben …
Morgens und jetzt, vormittags, ist es am schlimmsten.
Ich will, dass es aufhört. Am besten jetzt sofort …

Heute habe ich leider kein lustiges  und positives Ende für euch. Leider. Aber vielleicht ja morgen wieder.
Ich mache mir jetzt aber noch einen Yogitee und hoffe, dass die auf dem Anhängerchen zu lesende Weisheit mir dieses Mal etwas mehr Mut beschert. Sowas wie „Alles wird eben doch so richtig gut“.

Wie ist das bei euch? Kennt ihr Depressionen? Ängste? Panik?
Erzählt mir ein bisschen davon. Teil euch mit. Ihr seid nicht allein.

 

 

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Kleiner Klugscheißerdialog

Radler unter sich

Beim Sonntagsfrühstück. Mein kleiner K. kippt den Wasserbecher um. Weil das bei beiden Kindern gefühlt andauernd passiert, entfährt mir leider etwas barsch: „Manno, wirf doch nicht immer den Becher um.“
Ich bin nicht stolz darauf, bereue das Gesagte sofort (außerdem ist es nur Wasser), aber noch bevor ich es abmildern oder mich bei K. entschuldigen kann, folgt sie auch schon: die gnadenlose Interjektion.

P.: „Mama??“
Ich: „Mhm?“
P.: „Wirklich immer? Macht der K. das immer?“
Ich (seufzend): „Nein, natürlich macht er das nicht immer. Manchmal aber eben schon  … “
P.: „Mama, nein. Dann musst Du das auch so sagen: K., wirf doch nicht manchmal den Becher um.“
Ich: „Äh … “ Ich halte inne, bin platt. Er hat recht … „Da hast Du recht.“
Tja. Ich fühle den unsichtbaren Spiegel förmlich vor meinem Gesicht. Der Bengel kommt eben ganz nach mir.

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Abenteuerreisen

Aus einem Leben vor den Jungs

 

Vor meinem Leben mit den Jungs bin ich viel gereist. Wir als Familie machen immer noch Ausflüge und längere Trips, jedoch nicht mehr ganz so weit weg wie früher. Richtig „weit weg“, das ist für mich zum Beispiel Thailand. Vor einigen Jahren war ich dort. Eine Rucksackreise über mehrere Wochen und durch verschiedene Wunderwelten. Jeden Tag notierte ich Erlebnisse, Gedanken und Gefühle, die ich hier – zusammengefasst in einer Reportage für ein tolles Reisemagazin – gerne mit euch teilen möchte. Eines Tages möchte ich dorthin zurückkehren – mit meinen drei Jungs.

Wie ist das bei euch? Welche Reisen haben euch besonders gefallen/geprägt?

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„We don’t like many tourists“, sagt der alte Mann kopfschüttelnd in gebrochenem Englisch. Er sitzt an meinem Nachbartisch, nippt langsam an seinem Tee, während er mich betrachtet. Ich kann nur schwer einschätzen, wie alt der Thailänder ist. Vielleicht zählt er so um die achtzig Jahre, womöglich weniger. Auf jeden Fall ist er sehr klein, sein Gesicht wettergegerbt und von Falten durchzogen. Irgendwie erinnert es mich an eine Landkarte. Wir sind die einzigen Gäste in dem kleinen Hafencafé an der Ostküste der Insel.
Es ist mein erster Tag auf Koh Yao Noi, ich bin seit knapp einer halben Stunde mit einem gemieteten Moped unterwegs – und schon habe ich eine Bekanntschaft gemacht.
Der Mann berichtet von seinem Leben auf der Insel. Hier ist er geboren, hier lebt seine Familie. Fast alle sind oder waren Fischer wie er selbst. Bei ihm sei das aber schon eine ganze Weile her. Da sei er noch jünger gewesen. Er lacht, einer der unteren Schneidezähne fehlt. Heute kümmern sich seine Kinder und Enkelkinder um das Einkommen der gesamten Familie. Er komme fast jeden Tag hierher in das kleine Café, um einen Tee zu trinken und ab und zu die Zeitung zu lesen.

Es ist kurz nach neun Uhr am Morgen, die Sonne scheint. Und doch ist es noch recht frisch am Pier von Tha Khao Village. Mich fröstelt, ich ziehe meine dünne Windjacke etwas enger um mich. Am Abend zuvor bin ich mit dem Speedboat von Krabi hergekommen – auf die Insel, der man nachsagt, sie sei eines der letzten noch unberührten Paradiese dieser Erde und ein absoluter Geheimtipp für Backpacker und Abenteuerreisende.

Die vergangene Nacht habe ich in einem hübschen Bungalow mit Strohdach, Holzdielen und Hängematte verbracht. Gut geschlafen habe ich allerdings nicht: Zu sehr habe ich dem exotischen Fiepen, Zirpen und Schnarren mir unbekannter Insekten gelauscht.

„Koh Yao Noi“ – das bedeutet: kleine, lange Insel. Zusammen mit ihrer größeren Schwester Koh Yao Yai („große, lange Insel“) bildet sie die Inselgruppe Koh Yao, die zwischen der Touristeninsel Phuket und Krabi auf dem Festland liegt.

Der Alte erklärt mir, dass fast alle auf der Insel Muslime seien und dass es hier kaum Tourismus gebe. Nur etwa 3.500 Menschen leben hier. Ich lausche seinen Worten und schaue ab und zu hinaus aufs türkisfarbene Meer, aus dem unzählige kleine und größere Felsen ragen. Sie alle sind Teil des traumhaft schönen Phang Nga Marine National Parks. Ein Park mitten im Meer – dieser Gedanke gefällt mir.

Ich lächele vor mich hin – und ernte einen eindringlichen Blick von meinem neuen Freund. „You friendly, but not all guests are.“ Ich setze mich aufrecht hin und bemühe mich um eine ernstere Miene. Der alte Mann klärt mich auf: Oft seien Touristen respektlos und laut, und schon allein deshalb lehne man den Massentourismus auf Koh Yao Noi ab. „Auf den anderen thailändischen Inseln gibt es kaum noch ungestörte Plätze, alles ist voller Menschen, und das versuchen wir wenigstens hier zu verhindern“, erklärt er auf Englisch. Ein wenig besorgt vermute ich, dass sich das in den kommenden Jahren sicher ändern wird. Aber diesen Gedanken behalte ich lieber für mich.

Ich erfahre, dass bereits ein einziger Tag ausreicht, um die zwölf Kilometer lange und acht Kilometer breite Insel zu erkunden. Ich habe eine Karte dabei und lasse mir zeigen, was sehenswert ist.

Dann wird es Zeit für mich, aufzubrechen. Ich winke zum Abschied und werfe mein Moped an – eine kleine, rote Honda, die mich 200 Baht am Tag kostet – das sind knapp fünf Euro.

Ich fahre auf die einzige Hauptverkehrsstraße der Insel, die sich am gesamten Küstengebiet entlangschlängelt. Kaum bin ich ein paar Meter gefahren, sehe ich im Meer ein paar asiatische Kinder baden – vollständig bekleidet. Niemand sonst befindet sich an dem wunderschönen, gelben Sandstrand, über den ich später lese, dass er Hat Pa Sai heißt.

Ich fühle mich frei und lasse mir den Fahrtwind ins Gesicht blasen. An den Linksverkehr muss ich mich noch gewöhnen. Auf gerader Strecke ist das Fahren kein Problem, doch beim Abbiegen muss ich mich noch stark konzentrieren, dass ich nicht aus Versehen die Seiten vertausche.

Ich erreiche die Westküste und fahre vorbei an mystisch wirkenden Mangrovensümpfen. Eine ziemlich verlassene Gegend ist das hier – zumindest auf den ersten Blick. Doch nur wenig später kommt mir ein etwa zehnjähriger Junge auf einem Motorrad entgegen. Sein Gefährt ist wesentlich größer als meins, ich bin fast schon ein bisschen neidisch. Der Junge trägt ein schmuddelgelbes T-Shirt, das in starkem Kontrast zu seinem leuchtend-schwarzen Haar steht. Hinter ihm sitzt ein kleines Mädchen mit Strohhut – vermutlich ist sie seine Schwester. Die Kinder winken mir ausgelassen zu, ich lächele zurück.

Als ich an ein paar Reisfeldern vorbeifahre, falle ich fast vom Moped, so romantisch-beeindruckend ist der Anblick, der sich mir da bietet: Ein Wassbüffel steckt tief im Gras verborgen und frisst. Man sieht auf den ersten Blick nur seine Hörner. Ich halte an und fotografiere ein paar Vögel, die sich auf dem Schädel des imposanten Tieres niedergelassen haben.

Ich erreiche den einzigen Ort der Insel, in der es ein paar Geschäfte gibt: Ban Yai. Hier findet man auch ein Café, das sich „Je t’aime“ („Ich liebe Dich“). Ich trinke einen Kaffee und erfahre, dass das Lokal in der Hand eines Franzosen und einer Dänin ist. Ihre Lebensphilosophie: für den Moment leben und nur das machen, was Freude bringt. „Wenn wir keine Lust mehr auf den Laden hier haben, ziehen wir weiter und machen was anderes“, sagt mir die dänische Blondine in ziemlich gutem Deutsch. Sie sei vor sieben Jahren als Backpackerin hergekommen und einfach hiergeblieben.

Als ich den Süden der geheimnisvollen Insel erreiche, staune ich, dass es landschaftlich noch vielfältiger geht: Hier gibt es weite Weideflächen, soweit das Auge reicht.

Bevor es dunkel wird, möchte ich noch eine Runde joggen gehen, um das Erlebte und Gesehene mental zu verdauen. Zurück in meinem Bungalow schlüpfe ich in meine Sportschuhe und lauf auf die Hauptstraße. Das Meer ist jetzt verschwunden: Es ist Ebbe. Eine Frau mit Kopftuch sammelt ein paar Muscheln. Irgendwann biege ich links in den Urwald ab. Ich laufe auf teilweise schlammigen, rotsandigen Wegen, vorbei an Ananas- und Kautschuk-Plantagen. Ich beobachte, wie sich die milchige Flüssigkeit ihren Weg aus den Bäumen in kleine schwarze Behälter macht. Hier und da begegnet mir ein einsamer Arbeiter und hebt grüßend sein verstaubtes Basecap.

Als ich zurück in meiner Bungalowanlage bin, habe ich Hunger. Ich bestelle mir ein grünes Curry und gebratenen Reis. Gegen Mitternacht liege ich in meinem mit Moskitonetz umspannten Holzbett und versuche, mich auf meinen Thailandführer zu konzentrieren. Ich lausche nach draußen – und höre nichts, absolut gar nichts: kein Basswummern aus Hotelanlagen wie auf Phuket, keine grölenden Touristen, es ist alles unglaublich still. Ich denke an den Fischer von heute morgen und an das, was er gesagt hat. Lächelnd schlage ich eine weitere Seite in meinem Buch um.

 

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Ballett statt Fußball?

Christina Bayer leitet eine Tanzschule in Rastede

„Ballett ist kraft- und anspruchsvoll, es ist richtig dynamisch“, schwärmt mir meine Freundin Christina bei einem Milchkaffee in unserem Garten vor. Sie ist Ballettlehrerin mit eigener Schule in Rastede bei Oldenburg. „Und das ist auch der Grund, warum Jungs hier eigentlich gut aufgehoben sind.“
Eigentlich? Die Mittvierzigerin schürzt nachdenklich die Lippen. „Weißt Du, von meinen knapp achtzig Schülern sind genau zwei männlich. Es sind Brüder, die sich beim Unterricht der Schwester ins Ballett verliebt haben.“ Der ältere der beiden tanzt mittlerweile drei Mal in der Woche: Ballett und Flamenco.
Warum machen das eigentlich so wenige Jungs? „Hierzulande gibt es leider immer noch so viele Vorurteile hinsichtlich des Jungenballetts“, erklärt Christina. Und ganz nebenbei bemerkt kann ich mir P. und K. tatsächlich nicht so richtig dabei vorstellen …

Während des Gesprächs kommt Christinas Tochter angerannt, P.s Freundin mit P. im Schlepptau. Die Fünfjährige tanzt ebenfalls seit einer Weile. Das Mädchen mit dem frechen, blonden Kurzhaarschnitt führt uns etwas vor, strahlt dabei über das ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd. Dann läuft sie wieder davon. P. flitzt natürlich sofort hinterher. Und K.? Der rennt hinter P. her.
„Für Mädchen gibt es hierzulande so viele Angebote“, sagt meine Freundin. „Zum Beispiel den Girls Day. Es gilt aber auch als cool, wenn Mädchen zum Fußballtraining gehen.“ Wenn aber Jungs ihre Leidenschaft für den Tanz entdecken, sieht man überall Stirnrunzeln.“ Christina legt eine Erzählpause ein und sieht unseren drei Kids ein bisschen beim Spielen zu.

Weiter im Text. In Ländern wie Russland habe das Ballett übrigens einen ganz anderen Stellenwert. Dort sei man stolz darauf, Tänzer zu sein – ein ehrbarer Beruf wäre das. „Spätestens mit der Pubertät beginnen bei uns aber die Hänseleien“, meint Christina. „Und Ballett wirkt plötzlich irgendwie schwul.“
Was müsste denn ihrer Meinung nach getan werden, um mit diesen Vorurteilen aufzuräumen? „Ballett hat doch nichts mit Homosexualität zu tun! Es erfordert Kraft, es werden Partnerinnen durch die Luft gewirbelt. Du kennst doch den Film ‚Billy Elliot‘: Ein Vater schickt seinen Sohn zum Boxen, doch der geht heimlich tanzen und schafft es auf eine renommierte Akademie. Dieser Film jedenfalls zeigt dynamische Bewegungen, genau die gilt es herauszukehren … Schau Dir doch mal Videoaufzeichnungen vom ehemaligen Balletttänzer Mikhail Baryshnikov an; was konnte der damals springen!“ Sie könnte sich stundenlang darüber auslassen. Ich nippe an meinem Kaffee und bewundere sie heimlich.

Meine Freundin erzählt noch, dass sie gern zusammen mit ihren beiden Mitarbeitern eine solche Jungsballettklasse ins Leben rufen würde. „Zu Beginn, bei der tänzerischen Früherziehung, unterscheidet sich der Ballettunterricht von Mädchen und Jungen noch nicht sehr. Es werden Elemente der russischen Waganowa-Methode und der englischen Royal Academy Of Dance miteinander kombiniert. So können wir individuell auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen und sie fördern. In unseren Klassen legen wir Wert auf das Zusammenspiel von Technik, Athletik, Kreativität und Musikalität.“
Und später dann? „Ab dem siebten oder achten Lebensjahr gibt es schon so einige prägnante Unterschiede. Aber nur kurz: Hier bekommen Jungs bei uns den Raum für dynamischere und kraftvollere Bewegungsabläufe, den sie ja auch brauchen.“ Christina macht eine entsprechende starke Geste mit ihrem Arm. Schon wieder himmele ich sie an. Meine Powerfreundin mit dem feinen Herzen.

„Ich bin ein Hexenjäger!“, tönt es lauthals durch den Garten. Das Töchterchen kommt mit funkelnden Augen und zerzaustem Blondschopf angerannt, ein erhobener Stock dient ihr als Schwert. Ihre Mutter lacht herzhaft; der Stolz steht ihr ins Gesicht geschrieben.
„Da, siehste!“, Christina wird jetzt auch richtig laut. „Genau das dürfen heute alle Mädchen sein: Hexenjägerinnen, Rennfahrerinnen, Ritterinnen … Und was fehlt?“ Kurze Erzählpause, dann ein Grinsen: „Der singende, springende Prinz!“

Informationen:
Christina Bayer, Oldenburg, 0441/3044038

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