Piratenhosenodyssee

Beim Aufräumen meiner Schreibtischschubladen fällt mir ein kleiner grüner Abrisszettel entgegen, auf dem steht, dass bei der Galeria Kaufhof am Ostbahnhof noch ein Kleidungsstück abzuholen ist. Das heißt, eigentlich sieht man nur die Adresse, einen Stempel und eine dreistellige Nummer, doch weiß ich plötzlich genau, was dieses stumme Gespann meint. Ich erinnere mich an eine ganz bestimmte Art Freizeithose, die manchen auch als „Piratenhose“ bekannt sein wird.

Ich erschrecke mich ein bisschen, denn es sind schon wieder ein und ein halbes Jahr vergangen, seit ich das Kleidungsstück zur Änderung in der Galeria abgegeben hatte. Tempus fugit – und zwar ganz ohne Rücksicht auf Verluste. Selbst Hosen geraten da in Vergessenheit, denke ich. Doch was ist schon eine Hose in Anbetracht der Ewigkeit, brabbele ich theatralisch vor mich hin und muss unwillkürlich lachen.

Es ist Samstag, und ich beschließe, den Umstand mit der vergessenen Hose als äußerst praktisch einzustufen und loszuziehen, um eben diese zu holen. Dies wird sich als nicht leicht erweisen, wie noch zu zeigen ist, denn die deutsche Bürokratie ist es, die einem mitunter einen Keil zwischen Hose und Glück treibt.

Da ich mich nicht richtig erinnern kann, in welcher Abteilung ich mein Suchobjekt erworben hatte, wende ich mich gespielt beschämt an eine Verkäuferin im 3. Obergeschoss, um diese zu bitten, mir bei der Findung meiner Hose behilflich zu sein. Sicher wird sie mir gleich sagen, dass ich aber ganz schön spät dran sei. Etwas ratlos schaut sie abwechselnd den Zettel und dann mich an: „Sie sind spät dran!“, sagt sie tatsächlich und ergänzt mit einem verwunderten Blick: „Außerdem verwenden wir doch gar keine grünen Zettel mehr!“. Als sie mich ein wenig verunsichert anschaut, zucke ich die Achseln. Ich habe wirklich keine Ahnung, warum dieser Zettel grün ist.

Trotz ihrer – im direkten Vergleich mit ihrer Kollegin und deren Kundin an der anderen Kasse – zarten Missmutigkeit trottet die Verkäuferin los und sucht meine Hose vermutlich in einem kleinen Kabuff, in dem die bearbeiteten Kleidungsstück gelagert werden, bis sie von ihren mehr oder weniger barmherzigen Eigentümern abgeholt werden. Kopfschüttelnd kommt die Vendeuse zurück und teilt mir ein bisschen genervt mit, dass sie die Hose nicht finden konnte, „wahrscheinlich gibt es sie schon gar nicht mehr“, sagt sie. Meine Hose existiert nicht mehr? Ich solle doch bitte einmal in der Sportabteilung nachfragen, vielleicht könne mir dort weitergeholfen werden.

In der anderen Abteilung das gleiche Prozedere: Die Verkäuferinnen – diesmal sind es zwei – beschäftigen sich ausgiebig und sehr geduldig mit mir und meiner Hose, doch leider können auch sie mir nicht helfen. Ihr Herumwühlen in Ordnern und Ablagen ist zwecklos. Ich solle es doch bitte in der Änderungsschneiderei direkt hinter den Umkleiden versuchen, sagen sie und schauen ein bisschen hilflos.

Ich klopfe zögerlich, denn ich spüre bereits vor der Tür gereizte Atmosphäre. Und tatsächlich: Nachdem ich mich ein wenig ratlos umsehe, tönt es aus einer Ecke: „Was suchen Sie?“, fragt mich eine rundliche Frau mittleren Alters in barschem Ton. „Meine Hose“ erwidere ich trocken und nicht ungeduldig. „Was ist denn das für eine Hose?“ Ich beschreibe sie – soweit ich mich noch erinnern kann – detailgetreu. „Eben war doch schon die Verkäuferin aus der 3 hier. Der habe ich doch schon gesagt, dass die Hose nicht hier ist! Haben Sie schon in der Sportabteilung gefragt?“
Es ist erstaunlich.

Ich gehe noch einmal zurück zur Sportabteilung – so schnell gebe ich mich nicht geschlagen! – und fordere die beiden netten Damen erneut höflich auf, sich doch noch einmal zu vergewissern, ob die Hose nicht doch irgendwo herumschwirrt.
„Haben Sie es schon in der Damenabteilung oben versucht?“ Ich habe Mühe, ein Wort herauszubringen und die Schultern nicht hängen zu lassen, lächele mit einem zitternden Mundwinkel und beschließe, einen letzten Versuch zu starten.

In der Damenabteilung angekommen, schildere ich noch ausführlicher mein Problem – diesmal habe ich auch wirklich viel darüber zu erzählen, was ich bereits unternommen habe, um etwas über den Verbleib meiner Hose in Erfahrung zu bringen. Der Verkäufer schaut in einen Ordner, alles geht ganz schnell. Er schaut mich mitleidig an. „Hier ist leider auch nichts zu finden. Aber was ich mit ganz bestimmter Sicherheit sagen kann, ist, dass wir Kleidungsstücke nicht länger als ein Jahr lagern.“

Ich setze mich – ohne Hose und ein bisschen entsetzt über das, was mir soeben widerfahren ist – in die S-Bahn und will gerade meinen MP3-Player einschalten. Ein Obdachloser zieht mit seinem niedlichen Hund durch den Waggon. Es ist der junge Mann, den vermutlich inzwischen jeder Berliner kennt, der täglich mit dem Berliner Nahverkehr unterwegs ist: Sein Hund trägt exemplarisch eine Zeitung in der Schnauze und entlockt auf diese Weise den Fahrgästen ein Lächeln. Ich denke, dass er größere Probleme hat. Vermutlich hat er auch nur diese eine Hose. Hätte ich jetzt meine Piratenhose, hätte ich sie ihm jetzt vielleicht sogar gegeben.

Heute hat der Zeitungsverkäufer einen besonderen Spruch auf seinen kessen Lippen. „Wer kein Geld für mich hat: nicht so schlimm! Hose, Jacke, Schuhe tun es auch!“ Ich muss lachen, er sieht mich und lächelt mir zu. Ich gebe ihm ein bisschen Geld und schalte, als er weg ist, meinen MP3-Player an. Es läuft ein Mix mit Rammstein und Depeche Mode. Personal Jesus.

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