Eine Tür, drei Passanten

Er kommt von innen und will nach draußen. Da sieht er sie. Sie ist etwa 35, trägt einen karamelfarbenen Trenchcoat. Umwerfend sieht sie aus mit dem schwarzen Haar und den rotgeschminkten vollen Lippen. Er möchte ihr die gläserne Tür aufhalten, doch sie hält bereits den Türgriff entschlossen in der Hand. Er lässt die Schöne gewähren und wartet geduldig. Sie lächelt ihn an. Weiß sie doch genau, was er jetzt denkt.

Der Dritte kommt aus Richtung Fahrstuhl und möchte ebenfalls nach innen gelangen. Er sieht sie. Sie ist wunderschön. Er möchte ihr die Tür nach innen drücken, bemerkt jedoch ebenfalls ihre Entschlossenheit, es selbst zu tun.

Als sie die Tür öffnet, wartet Nummer drei darauf, dass sie zuerst den Raum betritt. Höflich drückt sie das sperrige Holz nach innen und macht Platz für Nummer drei.
„Sie zuerst, meine Liebe“, sagt er.
„Wann kommt es schon einmal vor, dass ich einem Mann die Tür aufmachen darf? Ich bitte Sie – gehen sie“, erwidert sie und gibt ein strahlendes Lachen von sich. Wie kann er da widerstehen?
„Wie charmant“, sagt er, will die Tür passieren und blickt auf Nummer 1 – noch immer von innen wartend.
„Oh, hallo junger Mann! Na, wie es die Regel verlangt: zuerst raus, dann rein“, spricht er und tritt wieder zurück.

Nummer 1 passiert die Tür, nicht ohne der Schönen ein freundliches „Danke“ entgegenzuwerfen. Er dreht sich noch einmal um, ein wenig Eifersucht überkommt ihn. Ungern möchte er sie jetzt mit dem anderen zurücklassen. Ich sehe seinen golden blitzenden Ehering und schüttele den Kopf.
Als ich mich der Tür nähere, schlüpfe ich ohne zu Zögern zwischen den beiden Verbleibenden hindurch.

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Vom Lesen und Laufen

Sehr gerührt. Die Tatsache, dass so viele interessante Menschen an meiner Ausschreibung teilnehmen, verurtsacht mir eine Gänsehaut. Ich lese jeden Text sofort, der bei mir eintrifft – um ihn ein paar Wochen später mit dem nötigen Abstand erneut zu lesen.

Ich bin ergriffen über diese und jene Zeile. Ich lache beim Lesen, weine oder – weil ich schockiert bin – senke mit aufgerissenen Augen und hochgezogenen Brauen meinen Kopf. Näher heran an das gedruckte Papier, das da vor mir liegt. Verschiedenste Stile, unterschiedlichste Charaktere, die sich aus dem Geschriebenen herauskristallisieren. Beeindruckend.

Ich gehe laufen, um über das Gelesene nachzudenken. Ich freue mich, dass es so viele Menschen gibt, denen Worte so wichtig sind. Die Route zum Weißensee. Vier- oder vielleicht doch fünfmal darum herum und dann wieder zurück, entschieden. Das macht genau eine Stunde. Die Sonne lacht, es ist windstill. Beste Voraussetzungen.

Angekommen am See. Eine ältere Dame sitzt auf einer Bank und liest „Die Frau des Zeitreisenden“. Als ich vorbeijogge, schaut sie kurz auf und lächelt mich an. „Das ist eine gute Wahl“, sage ich, zeige auf das Buch und laufe weiter. „Ja, es macht Freude!“, ruft sie mir nach. Auch hier ist die Literatur präsent.

Auf dem Weg nach Hause komme ich an einer Tischtennisplatte vorbei. Doch anstatt dem Pingpong zu frönen, steht auf der Platte ein Grill. Die jungen Kerle braten Nackensteaks und Bratwürste. Es riecht verführerisch und angesichts der Tatsache, dass ich soeben mindestens 700 Kalorien verbrannt habe und ausgehungert bin, würde ich am liebsten um ein Stück Fleisch betteln. Doch ich kasteie mich selbst.

„Guten Appetit, Jungs!“, rufe ich – an ihnen vorbeilaufend. „Willst auch ein Stück“, fragt ein Bengel um die 15. „Nein danke! Mein Kühlschrank zu Hause ist voll!“, lüge ich und laufe nach Hause. Ich möchte dorthin. Weil ich spüre, dass ein neuer Beitrag auf mich wartet. Daheim angekommen stecke ich meinen Kopf in den frisch eingetroffenen Beitrag. Er trägt den Titel „Irgendwo auf dieser Welt“.

Zwischeninformation an alle Teilnehmer: Danke!

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