Morgengedanken während einer Bahnfahrt

Es ist sehr früh. Am Fenster der S-Bahn habe ich es mir bequem gemacht. Ich schaue hinaus und bin entzückt über einen kleinen Fluss, der sich durch die ebene Landschaft schlängelt – willkürlich, als wäre es ihm gerade erst in den Sinn gekommen. Woher kommt er? Wo stellte sich ihm ein unüberwindbarer Fels in den Weg? Wo konnte er ungehindert fließen? Trotzig, bestimmt und dennoch ganz sanft fließt er dahin – als wäre er schon immer dagewesen.

Er bahnt sich seinen Weg durch die Natur. Es ist ein stetes Fließen – im Wettlauf mit der Zeit, die ihm doch kein Feind sein kann.

Grashalme am Ufer senken demütig ihr Haupt, und einige tauchen hinab, um ihrem Leben mit der Energie des Flusses Kraft zu entnehmen. Er kann so viel geben. Vielleicht wird er zu neuem Reichtum gelangen, indem er anwächst. Doch vielleicht trocknet das Flussbett auch aus – irgendwann. Was mir so unauslöschlich und stark erscheint, ist doch das, was wir alle sind: vergänglich.

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