Vom Winde verweht …

Spanische Briefe. Es muss ein ganzer Sack voll gewesen sein. Bis der Wind kam? Unübersehbar verstreut am Straßenrand. Hinter jedem von ihnen verbirgt sich eine Geschichte, eine Erinnerung oder wieder etwas ganz anderes. Was er ihr wohl zu sagen hatte? Die Schrift auf dem Liebesbrief ist verwischt. Die Kekse von der Oma haben am vergangenen Wochenende ganz besonders gemundet. Auf einer Karte ist ein bunter Schmetterling zu sehen, auf einer anderen Graffiti. „Der Papa und die Mama streiten sich dauernd, Mimi … Ich hoffe, die vertragen sich bald wieder …“ – ist auf einem zu lesen.


Gesehen in Spanien (Palma de Mallorca)

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Eisbein … Beinhart … Hartnäckig.

(Foto: Anna-Maria Polaszewski)

Zwölf Uhr mittags. Es ist kalt. Aber so richtig. Na, macht ja nichts. Ich bin total warm eingepackt: Pullover, noch ein Pullover und darüber noch einer – mit Kapuze. Schal drum, Mütze auf, Kapuze über Mütze. Handschuhe an – und gut is. Und ganz wichtig: Ohrstöpsel für die synthetische Musik – essentiell wichtig für die Motivation heute. Und genau die brauche ich bei diesem Wetter.

Ich gehe jetzt nämlich joggen! Ja wirklich. Bei gefühlten minus 20 Grad. Ich frage mich, ob ich wahnsinnig bin. Als ich aus der Haustür trete, pfeift der Wind durch meine Laufeschuhe und zwei paar Socken. Ich bin wahnsinnig. Dies ist eigentlich der Moment, in dem ich zurück in mein Bett möchte. Nichts da, ich schaffe das schon. Aber das heute, das ist eindeutig Laufrekord bei Kälte – wenn ich durchhalte.

Die ersten Schritte sind getan: Ich befinde mich nun am Eingang des Schlossparks Charlottenburg in. Ich passiere die Unterführung der Schlossbrücke – und bin da. Alles weiß. Herrlich sieht das aus. Alles glatt. Gefällt mir weniger. Ein paarmal schlittere ich auf dem Eis herum, das sich auf den Wegen gebildet hat. Doch schon bald habe ich mich an meinen leicht veränderten RutschLaufstil gewöhnt.

Drei Runden (à drei Komma fünf Kilometer) muss ich laufen, dann habe ich mein Soll erfüllt. Nach etwa vier endlosen Kilometern kommt mir der erste Läufer entgegen. Ich freue mich, Leben hier draußen zu sehen und grinse ihn an. Ernten tue ich nur einen grimmigen Blick. Seine Nase ist knallrot, seine Hände sind eingepackt in dicke, schwarze Fäustlinge. Seinen Mund kann ich nicht sehen: Er hat den Schal einmal horizontal um sein Gesicht gewunden. Die zweite Runde habe ich jetzt auch fast geschafft. Meinem Mitläufer bin ich nicht wieder begegnet. Womöglich hat er es aufgegeben. Ich kann das gut verstehen.

Ein mittelgroßes Flockentreiben setzt ein. Kehre ich um oder laufe ich die dritte Runde noch zuende? Ein Eichhörnchen läuft mir über den Weg, schaut mich an wie ein Auto mit seinen Strahlern die Dunkelheit und flitzt davon. Was für ein Tempo! Was Du kannst, kann ich auch, denke ich – und entscheide mich, die Sache hier zuende zu bringen. Meine Oberschenkel haben angefangen zu Brennen. Da gewinnt doch der Begriff „Eisbein“ eine ganz andere Bedeutung. Grinsend überlege ich, beim nächsten Mal doch eine Strumpfhose zu tragen.

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Echt nicht einfach

Der Liebste und ich sitzen in der Berliner S-Bahn. Unsere Ringbahn S 42 ist völlig überfüllt, verschiedenste Gerüche, die angesichts dieser Situation wohl nicht zu vermeiden sind. Das Schneechaos ist zwar fast vorüber, doch Autofahrer meiden das Benutzen ihres Vehikels noch immer. Man hat kaum Platz zum Atmen hier im Zug. Mal ist es der Ellbogen, der einem an den Kopf donnert, mal ist es der Rucksack, der einem in die Seite gerammt wird.

Doch dann haben wir Glück: Zwei Plätze einer Viererbank werden frei. Wir sitzen uns am Fenster gegenüber. Der Süße fährt vorwärts, ich sitze mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Wir schnaufen und grinsen uns an. Hähä! Endlich sitzen! Uns zur Rechten sitzt eine junge Frau mit drei kleinen Jungs. Sie sind schätzungsweise zwei, sechs und sieben Jahre alt. Allesamt tragen sie Pudelmützen. Wahrscheinlich sind sie Brüder oder Cousins, denn sie sehen sich sehr ähnlich.

Die Jungen nennen die brünette Frau „Maria“. Die Mutter der Kleinen kann sie nicht sein, philosophiere ich so still vor mich hin. Sie kann es unmöglich sein: Zum einen ist sie viel zu jung, um dreifache Mama zu sein. Und zum anderen? Naja: Welches kleine Kind spricht seine Mutter heute noch beim Vornamen an? Das ist doch out. Jaja, es gibt da bestimmt so einige Ausnahmen. Aber Maria gehört mit Sicherheit nicht dazu: Peinlich berührt guckt sie, wer denn guckt. Vielleicht ist Maria die Babysitterin. Ja – oder ein Au Pair! Ich denke an meine Schwester Anna-Maria. Sie hat ein Jahr in Colorado bei einer Familie mit ihren zwei Kindern verbracht. Ich habe sie dort einmal besucht. Diese Landschaft … Das ist jetzt eineinhalb Jahre her …

Lautes Juchzen weckt mich aus meinem Tagtraum. Die Kinder hüpfen auf ihren Sitzen herum, grinsen sich frech an, werfen mit Bonbonpapier nach sich oder strecken sich die Zungen raus. Maria rollt einmal genervt mit ihren hübschen dunklen Augen. Sie wird mit Fragen rund um das Bahnfahren regelrecht bombardiert.
„Maria, warum ruckelt das so?“
„Duhu, Maria? Warum setzt sich der Mann nicht hin? Hier sind doch Plätze frei!“
„Mariaaaaaa? Warum macht der Zug immer so ein Getute, wenn der losfährt?“
Et cetera perge perge.

Die junge Frau versucht jede Frage so gut wie möglich zu beantworten, doch bei einer Frage gibt sich der Sechsjährige so gar nicht zufrieden.
„Maria, warum sind hier so Stangen?“
Dem ganz Kleinen fällt die Weihnachts-Pudelmütze in den nassen Schmutz am Boden. Er verzieht energisch den Mund und schaut Maria an. Maria hebt die Mütze auf und gibt sie dem Jungen.
„Da musst besser darauf aufpassen, Marius.“
„Mütze nich sauber!“, sagt der Marius jetzt ein bisschen wütend.

„Mariaaa!! Wozu ist denn nun die Stange!?“ Ein tiefes Seufzen.
„Die sind für die Leute, die nicht sitzen möchten. Man muss nämlich nicht sitzen, sondern kann hier auch stehen.“
Das hätte sie besser nicht gesagt. Der Kleine springt auf und steht nun im Gang. Natürlich hält er sich an der Stange fest. Maria schaut ihn ungläubig an. „Setz Dich bitte wieder hin!“
„Du hast doch gesagt, man muss nicht sitzen.“ Aus großen Augen schaut der Kleine die Große an – zugegebenermaßen recht provozierend.
„Vor allem hab ich gesagt, Du sollst Dich wieder hinsetzen!“ Marias Stimme bebt. Nein, sie klingt jetzt ganz und gar nicht mehr geduldig und aufmerksam. Sie möchte nach Hause. Man sieht es ihr förmlich an.
Ich habe Mitleid mit ihr und lächele sie an, als sie verlegen in meine Richtung schaut. Ein betretenes Grinsen zurück aus ihrer Richtung.

„Nächste Station: Westend“, sagt die Lautsprecherstimme in der Bahn.
„Wir müssen raus!“, schreit Maria – fast erleichtert diesmal.
Die Jungen hüpfen an uns vorbei in Richtung Tür. Maria stiefelt hinterher.
„Au Pair sein ist echt nicht einfach“, flüstert sie mir zu und lächelt mich dabei an.

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