Schwerkraft

Sonntag, 19.30 Uhr. Der Kinosaal ist voll bis auf den letzten Platz. Doch mein Freund Jan und ich – wir haben einen ergattert. Die 60. Berlinale zeigt heute Abend unter der Regie von Maximilian Erlenwein in der Sektion „German Cinema“ die Geschichte von Frederik Feinermann – von einem, der auszog, das Gaunern zu lernen. Der Titel des Films: Schwerkraft. Passt, denke ich mir und bin gespannt. Immerhin hat der erst 34 Jahre junge Berliner Regisseur mit dem Film den 31. Max Phüls Preis gewonnen. Die 30er – anscheinend bescheren sie ihm Glück. Doch nun: Mal sehen, ob er den Preis verdient hat. Der rote Vorhang geht auf – der Film beginnt.

Gezeigt wird gleich zu Anfang – richtig – Frederik Feinermann (Fabian Hinrichs) – und zwar im eindringlichen Close-Up. Gleich passiert was. Das sehe ich genau. Der sehr erfolgreiche Bankangestellte sitzt in seinem Büro und spricht mit einem Kunden. Dieser erfährt jetzt, dass sein Kredit gesperrt wird – und gibt sich die Kugel. Direkt vor Frederik Feinermanns Augen. Blut überall, auf dem weißen Hemd des Bankangestellten. Starre und geweitete Augen. Der Chef heuchelt Verständnis – doch in dessen Ohren klingeln weiterhin Euromünzen. Kein Gespür für das Unglück des Mitarbeiters. Ein lang ausgetauschter Blick. Das wars für heute – Feierabend. Kein guter Tag für Frederik.

Man sieht Frederik Feinermann in ein CD-Geschäft gehen. Kurz darauf ist er im Begriff, eine Scheibe zu stehlen. Gesehen wird er dabei von seinem alten Kumpel, dem Ex-Knacki Vince Holland (Jürgen Vogel – in seiner Rolle gewohnt genial). Den hat er lange nicht gesehen – eine Begegnung mit schwerwiegenden Folgen, wie sich herausstellen wird.

Am Abend sieht man Frederik in gewohnter Manier seiner unwissenden Jugendliebe Nadine (Nora von Waldstätten) hinterherspionieren. Die weiß nichts davon. Gänsehauterregend. So etwas möchte man vielleicht auch gar nicht wissen. Hier tut er mir schon zum zweiten Mal innerhalb der ersten halben Stunde seit Filmbeginn Leid, der sympathische Fred. Dann fährt er nach Hause – ganz allein.

Frederik hat die Nase voll von seinem biederen, unangestrengten, langweiligen Bankerleben. Er sucht Vince auf und begibt sich dessen Lehre, um ein eingefleischter und ganz skrupelloser Gangster zu werden. Frederik lernt schnell. Er scheint an dieser neuen Arbeit Gefallen zu finden. Zusammen brechen und knacken sie auf, rauben und plündern, was das Zeug hält – Frederik inzwischen ein regelrechter Musterschüler. Doch die unerfüllte Liebe zu Nadine ist es, die Frederik nachts nicht schlafen und dumme Dinge tun lässt. Wirklich dumme Dinge …

Schnitt.
Mehr verraten kann und will ich an dieser Stelle gar nicht. Selbst anschauen sollte man ihn sich. Und das kann man ab dem 25. März: Da nämlich kommt er hierzulande in die Kinos.

Im Anschluss an Schwerkraft zeigt sich ein Teil der Mitwirkenden auf der Bühne. Ein (ge-)wichtiger Mann tritt zurück, um sich nun neuen Aufgaben woanders zu widmen. Das Team ist traurig, es werden viele Fotos gemacht. Aus beruflichem Interesse beobachte ich die zugegeben bildhübsche junge Fotografin mit Zopf und einem Kleid, das ein wenig ausschaut wie ein Tütü. Um ihren Hals hängen zwei riesige Kameras – ich tippe auf Nikon. An der einen hängt ein Tele, an der anderen ein gutes Weitwinkel.

Es wird schwadroniert, gedankt, geschmeichelt, verabschiedet und ein Hinter-den-Kulissen-Team-Film gezeigt. Er dauert eindeutig zu lang. 20 Minuten „Jetzt bin ich dran“ (jeder möchte sich von dem Mann verabschieden) und „Wir sind so stolz auf Dich“ (ganz bestimmt) lassen die nicht eingeweihten Zuschauer schnell das Weite suchen. Doch mein Freund Jan und ich – wir bleiben bis zum Schluss. Da sind wir eisern – immerhin ist nur einmal im Jahr Berlinale.

In einer der letzten Minuten muss ich wohl eingeschlafen sein, sagt zumindest Jan. Ich witzele, dass mich da wohl die Schwerkraft überfraut hat. Schade nur, dass ich mich daran nicht mehr erinnern kann.

Hach, Berlinale ist schön – und jetzt auch schon wieder vorbei.

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Bildung und Hochstühle

Unterwegs im Bus. Gute Musik in den Ohren. Hardenbergstraße Richtung Ernst-Reuter-Platz. Gleich bin ich da, wo ich sein möchte. Mir gegenüber sitzen zwei sich unterhaltende Frauen mittleren Alters. Soweit ganz harmlos. Doch als die eine immer häufiger die Stirn runzelt und die andere immer stärker ihren Kopf schüttelt, möchte ich wissen, um was es geht. Unauffällig die starken Töne leiser gedreht. Na, besser ganz aus, damit ich nichts verpasse.

„Nein, das finde ich nicht!“, sagt jetzt die mit den leicht ergrauten Haaren im Schläfenbereich. „Viel zu  lasch, viel zu unkonsequent die Lehrer hier! Und die Studenten, schauen Sie sich doch die mal an. Ein Lotterleben ist das doch, was die führen. Die lernen doch alle nichts mehr. Was die …“ Die Frau mit der dunkelgrünen Wollmütze zieht die Augenbrauen zusammen und unterbricht vehement.
„Das ist doch jetzt nicht Ihr Ernst. Das können Sie doch jetzt nicht sagen! Meine Tochter absolviert auch ein Hochstuhlstudium!“
Und eigentlich möchte sie weiterreden, sich auslassen über das, was ihr Kind in der Universität alles leisten muss und wie stolz sie darauf ist.

Doch dazu kommt es nicht mehr, denn sie sieht mich grinsen.  Ungläubig schaut sie erst mich und dann ihre Sitznachbarin an. Diese grinst ebenfalls – dann prustet sie los. „HochSTUHLstudium“ sage ich, zucke lächelnd mit den Achseln und sehe zu, dass ich zum Ausgang komme.

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Ich komme bald wieder

Beim Durchforsten alter Kartons aus dem Keller habe ich einen ganzen Stapel alter Disketten gefunden. Die Jahre 1995 bis 2000 laufen vor mir ab – im Schnelldurchlauf, denn alte Schätze habe ich darauf gefunden – aus Kindheit und Jugend. So auch diesen: eine Kurzgeschichte mit dem Titel: Ich komme bald wieder. Die Erinnerungen versetzen mich zurück in das 16-jährige Mädchen von damals. Wie schön doch das bloße Schwelgen manchmal ist.

Ich komme bald wieder

Annique stand in ihrem Zimmer am Fenster und schaute hinaus in den strömenden Regen. Es wurde schon dunkel, doch das Telefon klingelte immer noch nicht. Den ganzen Tag über hatte sie gehofft, dass er anrufen würde, aber er tat es einfach nicht. Sie setzte sich auf ihr Bett und dachte nach. Warum war sie nur immer so eifersüchtig? Jetzt hatte sie alles kaputt gemacht.
Was war passiert? Am Abend zuvor hatte ihre Freundin angerufen und gefragt, ob Annique nicht Lust hätte, mit ihr ins „Corner“ zu gehen. Sie gab sich einverstanden, Manuel war sowieso mit seiner Schwester unterwegs, die Annique nicht kannte. Die Schwester war nach langer Zeit mal wieder nach Hause gekommen. Er wollte etwas mit ihr unternehmen, und Annique verstand das sehr gut.
Als die beiden Freundinnen die Kneipe betraten, sahen sie Manuel. Er saß in einer Ecke mit einem hübschen Mädchen, dessen Hände er hielt. Annique fühlte einen Stich in ihrem Herzen. Ohne darüber nachzudenken, dass es seine Schwester sein könnte, ging sie auch schon auf ihn los und machte ihm eine deftige Szene. Manuel, ganz erschrocken, wurde wütend.
„Was soll denn das?“, schrie er. „Langsam habe ich genug von deiner ewigen Eifersucht! Ich mache Schluss, ich halte es mit dir nicht mehr aus!“
Er stand erregt auf, nahm seine Jacke und verschwand durch die Tür. Das Mädchen, dass sich dann tatsächlich als seine Schwester vorstellte, eilte ihrem Bruder hinterher. Annique stand noch eine Weile betreten da und begriff langsam, was sie da angerichtet hatte. Die Leute schauten sie verwundert an, ihre Freundin schlug vor, zu gehen. Auf dem Heimweg brachte sie kein einziges Wort hervor, sie schämte sich sehr für ihr peinliches Verhalten. Vielmehr aber machte sie sich darüber Gedanken, wie sie sich jetzt Manuel gegenüber verhalten sollte.Nun saß sie hier auf ihrem Bett, badete selbstmitleidig in ihrem Kummer und wartete noch immer auf seinen Anruf. Vielleicht überlegte er es sich ja noch einmal. Ganz bestimmt würde er es noch einmal mit ihr versuchen. Sie war es ihm bestimmt wert. Die Stunden vergingen, mittlerweile war es sehr spät. Enttäuscht von sich, von ihm und voller Schuldgefühle, weinte sie sich in den Schlaf …

Als der Wecker am Morgen ungnädig und unaufhörlich klingelte, schmiss Annique ihn gegen die Wand. Heute wollte sie einfach nicht zur Schule gehen, am liebsten gar nicht mehr. Einige Minuten später kam die Mutter in ihr Zimmer. „Sag mal, willst du nicht aufstehen? Die Schule beginnt in einer halben Stunde!“ Annique antwortete nicht, zog ihre Bettdecke über den Kopf. Die Mutter hörte nur noch ihr verzweifeltes Schluchzen.
„Willst du mir denn nicht erzählen, was gestern vorgegangen ist? Ich merke doch, dass dich etwas bedrückt. Ist was mit Manuel?“ Unleidliches Seufzen unter der Decke. Nach einer Weile kroch Annique hervor und erzählte die ganze Sache von Anfang an …
Die Mutter hatte Verständnis. „In Ordnung. Du kannst von mir aus heute mal zu Hause bleiben.“

Am späten Nachmittag quälte Annique sich aus dem Bett und ging auf den Wunsch ihrer Mutter mit ihrem Hund spazieren. Die frische Winterluft tat ihr erstaunlich gut, und der eisige Wind wehte durch ihr langes hellbraunes Haar. Nur noch ein paar Monate – und sie würde sowieso in Spanien sein! Sie hatte schon vor drei Jahren beschlossen, nach dem Abitur für zwölf Monate ins Ausland zu gehen. Im letzten Jahr war dann klar, dass es ganz unbedingt Spanien sein mußte. Ihre Brieffreundin hatte ihr in der Nachbarschaft eine Familie organisiert, die Annique aufnehmen würde. Im Moment konnte sie sich jedoch nicht vorstellen, dort zu sein, weil der Kummer einfach zu tief saß. Aber spätestens, wenn die Abreise bevorstand, hätte sie sich von Manuel trennen müssen.

Selbst nach ein paar Wochen war es nicht leicht für sie, Manuel in der Schule zu sehen. Annique hatte sich verändert. Immer häufiger hatte sie schlechte Laune, und es war schwierig, ein vernünftiges Wort mit ihr zu wechseln. Sie ging auch der Mutter aus dem Weg, nur selten redeten sie miteinander. Als Annique an einem Freitag nach Hause kam und ihre Schultasche in die Ecke schmiss, kam die Mutter in ihr Zimmer. „Ich bin der Meinung, dass du mal Abwechslung brauchst. Deshalb habe ich auch heute einen Brief an deine Brieffreundin nach Spanien abgeschickt. Du könntest also, wenn alles gut läuft, in den Winterferien hinfahren. Sozusagen schon mal einen Schnupperaufenthalt machen! Was hälst du davon?“
Annique wusste in diesem Augenblick nicht, ob sie ihrer Mutter böse sein oder ob sie sich freuen sollte.
„Ach! Und wie kommst Du dazu, das einfach so über meinen Kopf hinweg zu entscheiden? Ob ich nun weg will oder nicht, das scheint wohl jetzt niemanden zu interessieren, was? Außerdem fliege ich doch im Sommer sowieso!“ Sie war gereizt. Die Mutter stand verlegen da und schaute zum Fenster hinaus.
„Deine Launen möchte und kann ich nicht ertragen. Ich möchte doch nur, dass du wieder die alte bist. Ich dachte, ich könnte dir mit diesem Urlaub eine kleine Freude machen.“ Wie die Mutter da jetzt so redete, tat sie Annique irgendwie leid, und sie beschloss, zu fahren, wenn auch nur den Eltern zuliebe. Eigentlich musste sie sich ja auch eingestehen, dass sie in der letzten Zeit viel zu gereizt und genervt war. Sie war ihr doch irgendwie dankbar für diese Idee …

„Annique, komm doch endlich! In einer halben Stunde müssen wir auf dem Flughafen sein, oder willst du deinen Flieger verpassen?“
Die Mutter wurde schon ungeduldig, als Annique endlich aus der Wohnung gerannt kam.
„Jajaja! Ich komme ja schon!“ Missmutig schwang sie sich ins Auto, die schwere Reisetasche auf dem Schoß.
Eine Stunde später saß sie im Flugzeug. Wie herrlich doch die Welt von hier oben aussah! Ein wenig bange war ihr schon, als sie in das Flugzeug gestiegen war, denn es war ihr erster Flug in einer so großen Maschine. Die Wolken, dicht aneinandergereiht, wirkten wie ein riesiges Wattemeer. Hier oben fühlte sich Annique so frei wie noch nie in ihrem Leben! Der Flieger schwebte sanft über den Wolken dahin, und die Sonne blinzelte in ihr Gesicht. Sie fühlte, dass sie langsam müde wurde, lehnte sich in ihren Sitz zurück und schloss genüßlich die Augen. Ein paar Augenblicke später weinte sie leise vor sich hin.

Durch ein ziemlich heftiges Schaukeln wachte Annique auf. Die Maschine setzte zur Landung an … Spanien!
Sie stellte sich gut sichtbar vor den Haupteingang des Flughafens und musterte die schöne Umgebung. Hier war es im Gegensatz zu Deutschland so wunderbar warm – und die Bäume und Sträucher blühten.
„Annique!“ rief da Jemand von hinten. „Hallo!“ Sie erkannte ihre Brieffreundin Gloria, die sie bisher nur von Fotos gesehen hatte. Sie hatte langes, lockiges und dunkles Haar und große freundliche Augen. Sie strahlte Annique an und umarmte sie sichtlich erfreut. Zusammen gingen sie zum Auto ihrer Eltern. Diese stellten sich mit ihrem Nachnamen vor: Fernandez. Sogleich wollten sie alles über Annique wissen. Nach einer Stunde Fahrt hatten sie endlich das Dorf erreicht, in dem die Familie Fernandez lebte – in der Nähe von Almeria, ganz an der Küste. Wie wunderbar! Annique stieg aus dem Wagen. Sie schaute sich um und stellte fest, dass hier wohl alles vorhanden war, was das Herz, vor allem aber ihres, begehrte: Berge, wunderschöne Wiesen und Blumen; sie glaubte sogar die See zu riechen.Annique fühlte sich wie auf einem anderen Planeten. „Willst du nicht erst einmal ins Haus kommen und etwas trinken?“ Gloria sprach ein ziemlich gebrochenes Deutsch, das Annique aber auf Anhieb sympathisch war. „Und ausruhen willst du dich bestimmt auch oder?“ Ein herrliches Lächeln mit vollen Lippen.

Das Haus war weiß, sehr groß und wirkte unglaublich schön inmitten dieser Natur! Die beiden Mädchen hatten sich sehr viel zu erzählen, denn schließlich kannten sie sich ja nur aus ihren Briefen. Annique hatte im Herbst einen Spanischkurs begonnen, denn langsam musste sie sich auf ihren einjährigen Aufenthalt im Sommer vorbereiten. Abwechselnd unterhielten sie sich auf Spanisch und Deutsch. „Bei euch in Deutschland ist es jetzt kalt, was?“, fragte Gloria. „Ja, bei uns ist es furchtbar kalt, und es liegt Schnee. Die Sonne scheint leider nicht. Auch die Natur gefällt mir viel besser als Zuhause. Irgendwie sind die Menschen hier freundlicher und offener als bei uns in Deutschland. Hab ich vorhin am Flughafen beobachtet.“
Nach vielen Stunden des Redens wurde Annique sehr müde, obwohl es erst später Nachmittag war, sie wusste nicht, ob es von der Luft hier kam oder weil sie einfach zu erschöpft war. „Geh Dich mal ausruhen. Wenn du möchtest, können wir morgen meinen Cousin besuchen, er lebt mit seiner Familie auf einem Bauernhof mit vielen Pferden. Wie findest du das?“ Pferde! Annique war von dieser Idee mehr als begeistert, noch nie war sie auf einem Bauernhof gewesen, geschweige denn geritten.
Gloria zeigte ihr das Zimmer. Es war ziemlich groß und im ländlichen Stil liebevoll eingerichtet. Als Annique allein war, ließ sie sich erschöpft auf das Bett fallen, fühlte sich das erste Mal seit langer Zeit so richtig wohl. Jetzt dachte sie noch einmal über die Geschichte mit Manuel nach, aber so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte einfach nichts mehr empfinden. Wollte sie das denn noch? Beim Nachdenken fielen ihr langsam die Augen zu …

„Annique“, schrie jemand von unten. „Komm frühstücken!“
Rasch zog sie sich an und rannte die Treppe hinunter. Am Frühstückstisch saßen schon alle und warteten mit einem Grinsen auf sie.
„Hast du gut geschlafen?“, fragte Señora Fernandez.
„Oh ja! Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier. Das Bett ist wirklich super! Danke schön!“ Annique biss hungrig von dem frischen Brötchen ab, das bereits auf ihrem Teller lag. Gloria sah ihr schmunzelnd dabei zu. „Du hast aber einen gesunden Appetit. Gleich nach dem Frühstück fahren wir meinen Cousin besuchen!“

Der Hof der Familie Lopez erschien Annique riesig, es gab viel zu sehen. Auf der Pferdeweide, die nur durch einen einfachen Holzzaun abgegrenzt war, standen wunderschöne Pferde, die schönsten, die Annique selber je gesehen hatte. Sie ging zu ihnen hin und streichelte sie.
„Gefallen sie dir?“ Annique fuhr ein wenig erschrocken zusammen. Ein sonnengebräunter Junge stand hinter ihr und grinste sie aus glänzenden Augen an. Er war vielleicht drei oder vier Jahre älter als sie. Dunkelbraune Augen!
„Das ist mein Cousin Miguel“, sagte da auch schon Gloria. „Er war ein Jahr in Deutschland, deshalb spricht er so gut Deutsch. Miguel, das ist Annique.“ Gloria fragte sie, ob sie nicht Lust hätte, mit ihr und Miguel auszureiten. Gerne hätte sie dies auch getan, aber sie konnte ja nicht reiten.
“ Das ist kein Problem“, meintee Miguel, „das bringe ich dir schon noch bei! Jetzt kommt doch erst mal ins Haus, oder wollt ihr hier verwurzeln?“ Dieses Lächeln!

Das Haus war einfach, aber sehr schön und ebenfalls im ländlichen Stil eingerichtet. Miguel bot den Mädchen an, sich zu setzen und verschwand in der Küche. Einige Zeit später kam er mit einer Piña Colada für jeden zurück. Der Junge erzählte Annique von seiner kleinen Schwester Lisa und seinem älteren Bruder, der in Madrid als Bankkaufmann arbeitete, eine Frau und zwei Kinder hatte und alle zwei bis drei Wochen nach Hause kam. Mitten in der Unterhaltung kam plötzlich ein kleines Mädchen schreiend ins Haus gerannt. „Wenn man vom Teufel spricht … Lisa!“ Miguel lachte und sagte zu der Kleinen etwas auf Spanisch, das Annique leider nicht verstehen konnte. Das Mädchen sah aus kugelrunden Annique an und begrüßte sie mit einem lautstarken „Hola!“ Annique grüßte lachend zurück. Miguel erklärte der Schwester, dass sie Besuch aus Deutschland war. Gloria bemerkte, dass es schon ziemlich spät war und sie ihren Tanzstunden nachgehen musste. Sie versprach, Annique gegen 17.00 Uhr hier abzuholen und radelte davon. Miguel machte den Vorschlag, mit den Reitstunden anzufangen, Annique stimmte begeistert zu. Auf „Beauty“ hinaufzukommen, war nicht so einfach, wie es aussah, doch irgendwie klappte es …

Miguel brachte ihr so ziemlich alles bei, was man brauchte, um ausreiten zu können. Binnen drei Tagen war sie dann soweit, endlich auszureiten.
„Wenn du Lust hast, können wir morgen Nachmittag mal ausreiten. Du bist jetzt soweit. Na, wie klingt das?“ Annique war begeistert von dieser Idee. Sie verabredeten sich für denNachmittag. Auf dem Weg zurück zu den Fernandez nach Hause musste sie die ganze Zeit an Miguel und seine wunderschönen braunen Augen denken …

„So, dann kanns losgehen!“, sagte Miguel am darauffolgenden Tag, als die Pferde gesattelt waren und das Essen im Rucksack verstaut worden war.
Die Landschaft, durch die sie ritten, war einfach herrlich, und Annique atmete die frische Luft ein. Unterwegs machten sie Halt, ließen sich unter einem großen knorrigen Baum nieder und stärkten sich ausgiebig bei einem Picknick. Annique ließ sich ins Gras fallen. Miguel neben ihr tat dasselbe. Sie redeten und redeten, und die Minuten vergingen … Miguel sah sie von der Seite an, und sie spürte ein Kribbeln. Sie sah in seine großen Augen, wusste nicht, wie sie sich jetzt verhalten sollte. Oh je, sie hatte sich schon wieder verliebt. Er strich ihr ein paar Strähnen aus dem Gesicht und lächelte, so dass ihr ein Schauer über den Rücken lief. Er beugte sich über sie und hauchte ihr einen sanften Kuß auf die Stirn. „Weißt du“, sagte er dann, „ich möchte dir sagen … naja, ich habe dich total gern.“ Annique wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, deshalb lächelte sie ihn einfach nur an, nahm seinen Kopf in ihre Hände und gab ihm einen langen innigen Kuß. Und danach: „Ich dich auch.“

Am Abend saß Annique mit Gloria in ihrem Gastzimmer, und sie spielten eine Partie Rommée. Gloria schien zu bemerken, dass Annique heute irgendwie anders war, und sie fragte sie aus. Es war sehr schwer, das Geheimnis für sich zu behalten, deshalb lüftete sie es für Gloria, die sich riesig für ihre Freundin freute.

Am darauffolgenden Abend machten Annique und Miguel einen romantischen Spaziergang. Sie setzten sich auf einer großen Wiese nieder und sahen sich tief in die Augen. Annique wünschte sich, für immer hier mit Miguel sitzen zu können. Morgen war der letzte Tag vor ihrem Abflug, und sie wurde traurig. Sie senkte bedrückt ihren Kopf und nahm Miguels Hand. Dieser spürte ihren Kummer und tröstete sie. „Sei nicht so traurig, du kommst doch im Sommer wieder. Bis dahin werde ich kein anderes Mädchen anschauen und immer an dich denken. Das verspreche ich dir!“ Er drückte zärtlich ihre Hand und küsste sie sanft. „Du wirst zwar nicht bei mir sein, sondern ein paar Kilometerchen weiter weg, aber du wirst trotzdem in meinem Herzen sein.“ Annique musste über diesen Satz lachen. Das war einfach zu kitschig, um ernst zu bleiben!
„Na siehst du, so gefällst du mir schon viel besser“, lachte jetzt auch Miguel. „Lass uns den letzten Tag noch genießen, okay?“
Langsam verfärbte sich der Himmel, und die Sonne ging unter. Solch einen schönen Sonnenuntergang hatte Annique noch nie erlebt. Jedenfalls noch nie bewusst. Noch ein paar Stunden saßen sie auf dieser Wiese, sie hatte ihren Kopf in seinen Schoß gelegt und genoß das Beisammensein.

Der letzte Tag war da, morgen würde sie schon wieder im Flugzeug nach Deutschland sitzen und dem grauen Alltagsleben entgegenfliegen. Gegen Nachmittag saß sie gemütlich mit der Familie Fernandez zusammen, und sie spielten ein paar Gesellschaftsspiele. Sie versuchte, so fröhlich wie möglich zu wirken, aber es war sehr schwierig. Gloria sah Annique mitfühlend von der Seite an, denn sie merkte, dass ihre Freundin traurig war. Wenig später machte sie Annique den Vorschlag, aufzustehen und auf ihr Zimmer zu gehen. „Du bist traurig wegen Miguel, stimmts?“ Annique sah zu Boden und bejahte dies. Gloria versuchte, sie zu trösten. „Du kommst doch wieder, dann hast du so viel Zeit, mit ihm zusammen zu sein!“ Sie verstand die Gefühle nur zu gut. Annique wusste, daß ihre Freundin recht hatte, doch sie konnte sich fünf Monate ohne Miguel nicht vorstellen. „Ich habe nur solche Angst, dass er mich bis dahin vielleicht nicht mehr liebt. Was ist, wenn er eine andere hat, wenn ich wiederkomme?“
Gloria nahm Anniques Hand. „Miguel ist nicht der Typ, der seine Freundinnen wie Hemden wechselt. Ich kenne ihn sehr gut, glaub mir. Er liebt dich, das weiß ich, er wird dich auch sehr vermissen, aber was denkst du, wie schön die Zeit wird, wenn du wiederkommst!“

Am Abend gab die Familie Fernandez für Annique eine kleine Abschiedsparty, obwohl ihr gar nicht danach war. Draußen waren Girlanden angebracht, und der Tisch war mit appetitlichen Dingen gedeckt. Annique bemühte sich, so fröhlich wie möglich zu wirken, was ihr aber sehr schwer fiel. Miguel hatte heute angerufen und gesagt, dass er auch kommen würde. Sie freute sich schon sehr auf ihn. Sie ging ein paar Meter vom Haus weg und setzte sich auf einen Baumstumpf. Sie dachte noch einmal über ihre wundervollen Ferien nach, bis ihr jemand von hinten die Augen zuhielt. „Hallo Mama“. Miguel schaute sie erstaunt an. Sie musste bei diesem Anblick lachen. „Hallo Miguel!“ Er setzte sich lachend neben sie auf den Boden und gab ihr einen zärtlichen Kuß. „Ich werde mit dir kommen“, sagte er dann traurig. Annique lächelte. „Du weißt genau, dass das nicht geht. Gestern hast du mir Mut gemacht, heute mache ich dir Mut. Mach dir bitte keine Sorgen, ich komme bald wieder!“
Sie nahm seine Hand, zog ihn vom Boden hoch und führte ihn zu den anderen …

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