Stereo Love oder: Traum vom Meer

Oft gehört, noch immer nicht überhört. Bei diesem Lied muss ich an ein junges Mädchen in einer anderen Zeit denken. 14 Jahre ist sie alt. Sie steht auf einem Hügel und träumt von der Ferne. In den Armen hält sie ein schweres, rotes Akkordeon der Marke Weltmeister. Pianogrifftechnik. 120 Bässe. Es ist wirklich schwer. Aber das macht ihr nichts, sie spürt das Gewicht nicht. Nicht jetzt. Ihre schweren schwarzen Zöpfe wippen zum Takt.

Sie spielt Seemannslieder. Immer und immer wieder. Vor ihrem geistigen Auge kann sie es sehen und rauschen hören – das Meer. Wäre sie ein Mann, würde sie Matrose werden. Und auch, wenn sie jetzt noch keine elektronischen Klänge kennt: Ihre Träume klingen genau so wie dieses Lied – da bin ich mir sicher. Ich liebe Dich, Mama – vor allem für Deine Leidenschaft.

0

Der große Unbekannte

Dann und wann schreibt er mir. Einfach so. Völlig wahllos, wie es scheint. Die Mails, die er mir schickt, sind ein Spiegel meiner Selbst. Er hält mir vor Augen, was ich selbst einmal jemandem geschrieben habe! Doch wenn ich ihn frage, woher er das weiß, wer er denn überhaupt sei, schickt er mir abermals seine Antwort – dieselbe. Jedes Mal. Er ist ein Geheimnis – und er wird es für mich bleiben. Vielleicht für immer … Ich würde wirklich zu gern wissen, wer er eigentlich ist, dieser „Mail Delivery System“.

0

Es ist nichts

Sie ist etwa Ende 50. Vielleicht täuscht das auch, und sie ist wesentlich jünger. Ihre Kleidung starrt vor Schmutz. Die Schuhe zerschlissen. Die halblangen, ergrauten Haare liegen klebrig an ihren Wangen. Sie sitzt da auf dieser Bank – und weint. Lautlos. Ich sehe zunächst nur ihre Schultern zucken. Ich bin auf dem Weg von hier nach dort und verlangsame meine Schritte. Nach einem Zögern, das mir wie drei Stunden vorkommt, setze ich mich neben sie. Jetzt kann ich auch ihre Tränen sehen.

Kalt da auf dieser Bank. Friert sie denn nicht? Es ist wieder Winter geworden – und das, obwohl der Frühling schon zum Greifen nah war. Vogelgezwitscher, duftende Luft – sogar hier in der Großstadt. Alles schon dagewesen dieses Jahr.

„Kann ich helfen?“ Sie ignoriert meine Frage und weint weiter – still vor sich hin. Ich überwinde mein Unbehagen und rücke ein Stück näher. Was, wenn sie ihre Ruhe haben will? Ich versinke in meinen Gedanken, die verschiedener nicht sein könnten als in diesem Augenblick.
„Es ist nichts.“ Der Klang ihrer Stimme steht im krassen Gegensatz zu ihrer Kleidung – rein und kräftig klingt sie. Sie bemerkt meine Verwirrung. „Ich wollte immer nur singen. Mehr wollte ich nicht.“ Dann steht sie auf und geht. Einen Blick zurück über die Schulter wirft sie mir noch zu. „Danke, Mädchen.“ Dann ist sie verschwunden.

Da sitze ich nun auf dieser Bank – und fange an zu weinen. Eine Frau geht an mir vorüber. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass sie mitleidig schaut. Sie hält inne. Ich stehe auf, nicke ihr lächelnd zu. „Es ist nichts weiter“, sage ich.

0