Am Riemen gerissen

Sie ist aufgeregt. Hat richtig Angst. Ich versuche, meine Freundin mit Worten ein bisschen aufzumuntern: „Na komm, reiß dich nur noch ein kleines bisschen am Riemen, dann hast Du es hinter Dir. Du packst das!“ In der kommenden Woche hat sie ihre Abschlussprüfung.

Jemandem Mut zuzusprechen ist ganz löblich, finde ich. Aber warum sagt man in solchen Kontexten eigentlich sich am Riemen reißen? Das klingt doch irgendwie total bescheuert.

Reißt sich jemand am Riemen, diszipliniert er sich. Er nimmt sich zusammen, strengt sich an, kneift die A****backen noch einmal richtig zusammen. Das wissen wir ja schon. Und der Ursprung? Geht auf das Militär zurück.

Saß der Gürtel (der Riemen) einer Soldaten-Uniform beim morgendlichen Appell nicht ordnungsgemäß, musste sich der betreffende (und betroffene) Soldat im wahrsten Sinne des Wortes am Riemen reißen. Er musste seinen Gürtel in die vorgeschriebene mittige Position bringen.

Meine Freundin wird ihre Prüfung mit Sicherheit bestehen. Sie ist nämlich eine der Besten. Und das auch ganz ohne Gürtel.

Lernen

0

Allein unter „Oldies“

Ich erwarte wirklich das Schlimmste: eng aneinander gedrängte Menschen, grölende Twentys, besoffene Thirtys. Und dabei hätte ich es eigentlich besser wissen müssen: Supertramp kennt nicht jeder – und schon gar nicht in meinem Alter. Als ich ihr am Wochenende von dem bevorstehenden Konzert berichtete, schaute mich eine Freundin fragend an. Und dann: „Wer bitte? Wer ist denn Supertramp?“

Mein Süßer und ich betreten die O2 World Arena. Wir schauen uns um – und dann uns gegenseitig verwirrt an: Sitzplätze, wohin das Auge blickt. Nichts mit Stehen, Gedränge und Gegröle. Freundliche Platzanweiser, keine überlangen Schlangen an den Bier- und Imbissständen. Gediegen. Ja, es geht gediegen zu hier.

Und betrunken scheint auch nur mein ältlicher Sitznachbar zu sein. Jedenfalls riecht er stark nach Bier – oder riecht nach Starkbier. Wie mans nimmt. Seine etwa 40-jährige Freundin hängt mehr in den Sitzen als dass sie sitzt. Oh je. Die haben sich ja mächtig vorgefreut.

Es geht los. Keine Vorband. Ganz nahtlos. Volles Programm auf einen Schlag. Die Musiker sind großartig. Ich bin berührt, kannte ich sie doch bisher nur von CD. Alle sind sie älter als mein Vater, vermute ich. Ich schaue mich genauer um. Was ich sehe, ist faszinierend: Weit und breit kein anderer Mensch um die 20 oder 30.

Und dieses Strahlen in den Augen des Publikums! Woran sie wohl denken? Ich stelle sie mir allesamt abrockend zu Supertramp in den 80ern vor. Das gab bestimmt ein ziemlich cooles Bild ab. Mein Liebster ahnt sicher, woran ich denke und grinst mich an. Vielleicht hat er gerade das Gleiche gedacht.

Die „Oldies“ wippen und klatschen, aber niemand steht auf. Oder traut sich, aufzustehen. Aber ich sehe an ihren Gesichtern, dass sie es ganz unbedingt wollen.
„Det is echt ’ne Schande, dass man jezwungen is, zu sitzen, wa?“ Mein betrunkener Sitznachbar mir zur Linken hibbelt mächtig rum. Bei Take The Long Way Home steht er endlich auf und tanzt los. Wie ein Wilder. Ein paar andere machen es ihm nach. Der Liebste und ich machen mit. Die Musik ist wirklich zu gut, um sie im Sitzen zu genießen.

Mein Sitznachbar pfeift schrill, es geht mir direkt ins Ohr. Ich schaue vielleicht ein bisschen zu mahnend zu ihm rüber.
“Sorry ey. Ick find‘ die so jut. Ick hör die jetz schon seit 30 Jahre. Die Jungs sind einfach so jut! Ick war schon auf 15 Konzerte.” Er strahlt bis über beide Augen. Ja, die glänzen richtig. Ich lächele und pfeife endlich mit. Er schaut beeindruckt. „Na siehte, jeht doch!“

Das Konzert neigt sich dem Ende entgegen. Die “Jungs” verschwinden von der Bühne.
„Wie, wars das schon?“ entfährt es mir.
“Nee”, sagt der Nachbar, als er meine Enttäuschung sieht, “da jeht noch wat. Die ham noch nich Dreamer und Crime Of The Century jespielt. Dit fehlt noch – mindestens!” Ach so. Das beruhigt mich. Ich habe diese Band noch nie live spielen sehen und hören. Einfach stark, was die abliefern. Ich will mehr davon!

Auf Dreamer folgt tatsächlich Crime Of The Century. Aber es bleibt gesittet. Bis zum Ende. Einzig ein paar mehr Leute sind aufgestanden und tanzen.

Und dann beschleicht mich ein klitzekleiner und durchaus nicht unangenehmer Gedanke: Ich finde es gut, kein Bier in den Haaren zu haben und keine Schokolade am Ärmel. Ich glaube, ich bin ein bisschen älter geworden. Und irgendwie liebe ich das.

Handyfoto: SUPER Supertramp

0

Mein lieber Scholli

Kennt ihr eigentlich Ferdinand Joly? Nein? Ich auch nicht. Persönlich schon mal gar nicht. Na, inzwischen weilt er ja leider auch nicht mehr unter den Lebenden. Schon lange nicht mehr …

1783 flog Ferdinand Joly von der Salzburger Universität und zog danach als Dichter, Sänger und Schauspieler durchs Land. Ihm war total egal, was andere von ihm dachten. Er zog sein Ding durch, lebte sein Leben, wie es ihm in den Kram passte.

Prima. Und auch wirklich sehr interessant. Aber: Warum berichte ich von diesem unbekannten Mann, der tat, wonach ihm der Sinn stand? Ich finde ja eigentlich nicht ihn sonderlich beeindruckend. Und uneigentlich? Ist er der Namensgeber einer ganz bekannten – und von mir geliebten – Redewendung: Mein lieber Scholli (= Joly).

Diese Redewendung gebrauchen wir heute, wenn wir erstaunt oder empört sind. Damals verwendete man sie, wenn man fand, dass jemand Flausen im Kopf hatte oder den Boden der Tatsachen nicht einmal annähernd berührte. Und so jemand war eben dieser Ferdinand Joly …

Auch aus dieser Kategorie: Mein lieber Schwan.

Mir schwant da was!

0