Fitness kennt kein Alter

Es „schneeregnet“. Macht nichts. Ich habe mir vorgenommen zu joggen, also jogge ich. Ich entscheide mich für die Strecke am Spreeufer: Von der Schlossbrücke geht es unter der Gotzkowskybrücke hindurch, an der Playa Paradiso vorbei bis zu Mercedes Benz. Dann erreiche ich den Tiergarten. Es wird langsam dunkel, doch der Park ist beleuchtet. Es macht Spaß zu dieser Tageszeit zu laufen. Auch bei diesem Wetter. Oder gerade bei diesem Wetter. Ich hüpfe in die Pfützen wie damals, meine warmen Füße werden angenehm gekühlt.

Auf dem Rückweg. Circa einen Kilometer vor der Schlossbrücke merke ich, dass der Boden unter meinen Füßen leicht vibirert. Aus den Augenwinkeln sehe ich eine Person, die zum Überholen ansetzt, doch dann auf meiner Höhe und in meinem Tempo bleibt. Es ist ein Mann. Ich schaue ihn verwundert an, und er bedeutet mir, die Ohrstöpsele herauszunehmen. Ich mustere ihn: Er ist um die 70, stelle ich erstaunt fest. Und er hat mich eingeholt.

„Entschuldigung, wo finde ich die nächste S-Bahn-Station?“ Er sieht richtig drahtig aus. Ich hoffe, dass ich in dem Alter auch noch so fit bin.
Ich schwanke zwischen den Bahnhöfen Jungfernheide und Charlottenburg, schlage ihm dann letztere vor.
„Danke!“
Er zieht an mir vorbei. Da kann ich mir noch eine Scheibe abschneiden. Den letzten Kilometer dann laufe ich etwas schneller.

Hauptsache Bewegung!

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Möpse und Läufer

Mit dem Auto quer durch die Stadt. Es regnet in meinem Berlin. Der Verkehr läuft zähflüssig, für mittags ist es ziemlich voll – und dunkel. Kälter ist es auch wieder geworden. Meine Stimmung ist eh nicht die beste. Da passe ich mich diesem Einheitsgrau da draußen heute ausnahmsweise einmal an.

Westend. Ich suche einen Spezialisten für Datenrettung auf. Besser, man fragt mich nicht danach. Als ich durch die Tür trete, begrüßt mich freudig ein hellbrauner Mops. Er legt den Kopf schief, schaut hechelnd zu mir hoch, die Zunge hängt raus. Er wedelt mit dem Schwanz. Wenigstens der ist gut drauf. Die Art, wie er mich anschaut, entringt mir jetzt tatsächlich ein Lächeln. Der kleine Faltenkerl trabt in eine Ecke des Raums, wuchtet sich auf den Boden und kaut an einem Ding, das sicher einmal ein Spielzeug gewesen ist. Er lässt mich nicht aus den Augen.

An einem Schreibtisch mitten in einem relativ leeren Raum sitzt ein Herr mittleren Alters, der mir zuruft: „Bitte auf den Teppichen bleiben, es ist so nass draußen.“ Ich schaue runter – und sehe tatsächlich einen Weg aus kleinen, extrem bunten Läufern, der auf den Verkäufer zuführt. So etwas habe ich noch nie gesehen. „Gut, dann will ich mal auf dem Teppich bleiben“, sage ich und hüpfe also von Teppich zu Teppich. Jetzt habe ich wieder diesen Traum im Sinn, den ich schon als Kind hatte: von Wolke zu Wolke springen. Oder auf einer Mauer oben im Himmel spazieren.

Die Konversation ist nett, der Mann spricht mir Mut zu. Alles wird gut, egal wie es ausgeht. Davon bin ich jetzt wieder völlig überzeugt.

 

Keine Möpse, aber auch schöne Hundchen

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Sei kein Frosch!

Am Morgen belausche ich in der U-Bahn das Gespräch zweier Jungs um die zwölf Jahre.
„Wollen wir nach der Schule noch zu Lucas?“
„Hm … Geht nicht, ich muss heim, Hausaufgaben machen.“
„Hä? Die kannst Du doch später noch machen! Lass uns ’n bisschen zusammen zocken!“
„Beim letzten Mal hast Du auch gesagt, wir kommen rechtzeitig nach Hause. Und dann war ich viel zu spät dran, und meine Mutter war dann echt sauer …“
Der andere Junge grinst. „Mensch, sei kein Frosch! Ruf doch Deine Mutter an und frag sie, Du Feigling.“
Der Ängstliche zückt sein Handy. Sein Gesichtsausdruck verrät, dass es ihm nicht besonders gut geht.

Was haben Frösche eigentlich mit „Feigheit“ zu tun?
Die Erklärung ist denkbar einfach: Als Fluchttiere sind Frösche sehr schreckhaft. Schon bei der kleinsten Bewegung hüpfen sie davon.

In Storkow haben es Frösche nicht leicht.

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Erinnerung

Da bin ich nun. Vor einer Stunde sind sie gegangen. Jetzt bin ich allein. Allein mit mir selbst und meinen Gedanken. Der Fernseher ist bereits aufgebaut und angeschlossen. Irgendeine Sitcom dudelt da vor sich hin. Ich sehe gar nicht richtig hin. Hänge meinen Gedanken nach. Fremd ist es hier. Aber irgendwie schön. Ich weiß noch nicht so recht. Erinnere mich an mein Zuhause. Es ist so weit weg jetzt. Bin ich froh darüber oder traurig deswegen?

Jetzt sitze ich hier, inmitten voller Kartons, die alle noch ausgepackt werden müssen. Bilderrahmen. Meine kleine Schwester. Mein Hund. Mein Klavier. Schwarzpoliert. Rönisch. Sie alle habe ich zurückgelassen. Jetzt kann ich nicht zurück. Auch meine geliebten Kinderbücher habe ich dort gelassen. Ich bin ja aber auch kein Kind mehr. Ich bin jetzt eine junge Frau mit Abitur. Was solls, hole ich sie eben irgendwann einmal nach.

Nichts steht so, wie es einmal stehen soll. Ein heilloses Durcheinander. Chaos. Ich lache laut. Weiß gar nicht, wo ich beginnen soll. Ich denke an meine Schule, an den Lehrer, der noch vor kurzem zu mir gesagt hat: „P., halt die Klappe, sonst schaffst Du Dein Abi nie!“. Und manchmal, wenn andere oder er sich selbst unter Druck gesetzt hat, sagte er auch: „Eines after dem anderen.“ Ich lache noch einmal laut.

Neben mir steht ein leerer Pizzakarton. Ich löffele aus einem Becher Haägen-Dazs Strawberry Cheesecake. Der erste in meinem Leben. Habe ich hier um die Ecke gefunden. Was man hier alles finden kann. Die Neugier treibt mich wieder raus. Ich lasse alles so stehen wie es ist, ziehe meine Chucks an und verlasse meine 30 Quadratmeter Studentenbude.

Ziellos irre ich durch Berlin. Staune, schaue an diesem oder jenem Haus hoch. Laufe gegen eine Straßenlampe. Grinse verlegen. Laufe weiter. Pestalozzistraße … Wow. Ich habe noch nie so viele Neubauten gesehen. Börek. Was ist das denn? Ich probiere einen. Mit Spinat und Schafskäse. Das also habe ich jahrelang vermisst …

Wieder in meiner Bude. Ich setze mich entspannt an mein E-Piano und schreibe ein paar Songs. Meine Finger sind eins mit den Tasten. Draußen ein Krankenwagen. Ein Nachbar schreit rum. Und dennoch: Ich fühle mich frei. Ich bin 19 – und ich bin neu in Berlin. Mein Berlin. Hier möchte ich nie wieder weg. Das schwöre ich mir an meinem ersten Abend hier.

Einzug in die erste Berliner Wohnung

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