Kleine Schönheit

Gesehen auf dem „Fest der Sinne“ in Badbergen.

Ein schönes, etwa 16-jähriges Mädchen mit rotem Haar und schwarzem Rüschenkleidchen zieht alle Blicke auf sich: Mit einem knallrotem Schirm tanzt sie auf einem Hochseil zu Popmusik. Große Augen, Staunen und Raunen überall.

Hochseilakrobatin der IGS Fürstenau

0

Badbergen im Trommelfieber

Heiße Trommelrhythmen, tanzende Menschen und jede Menge Spaß: Die 2. Sambanale in Badbergen war ein Event für alle Sinne.

Es ist 13 Uhr am Samstag. Einige Gäste nippen bereits an ihrem ersten Cocktail und lassen die Augen über den Schützenplatz schweifen. Ein Zirkuszelt ist aufgebaut, die Wettervorhersage hat für diesen Tag Regen angekündigt.

„Wollen wir doch mal sehen, ob wir den Regen vertreiben können!“, ruft Carsten Mohring. Die Augen des sympathischen Mittvierzigers leuchten. Und tatsächlich: Als die ersten Trommelklänge seiner Quakenbrücker Gruppe Samba Landaya ertönen, kommt für eine Weile die Sonne heraus. „Als ich zum ersten Mal eine Trommel in den Händen hatte, hat es mich voll erwischt.“ Damit meint Carsten Mohring das Trommelfieber. Der Musiker aus Badbergen ist einer von sieben Organisatoren des beliebten Festivals. „Die erste Sambanale im letzten Jahr war so erfolgreich, dass wir einfach weitermachen müssen“, sagt Carsten Mohring stolz.

Bumm, bummbumm – so geht es den ganzen Tag. Und es wird einfach nicht langweilig: Rund 200 bunt gekleidete Trommler aus neun verschiedenen Formationen jagen den Schaulustigen so manchen Freudenschauer über den Rücken.

Am Nachmittag spielt Valtinho Barbara aus Rio de Janeiro „Brazil-Jazz-Pop-Funk“, wie er seinen Musikstil selbst bezeichnet. Auch das kommt gut an beim Publikum. Doch als die brasilianische Sambatänzerin Erika da Silva die Bühne betritt, schweigt die Menge und schaut sie bewundernd an. Die ganze Frau ist ein Kunstwerk: Sie trägt ein blaues, schillerndes Kostüm. Als sie die ersten Tanzschritte macht, ist es um die Zuschauer geschehen: Sie klatschen, tanzen und staunen. Die Gruppe Rhythmusstörung aus Kirchlengern unterstützt die Tänzerin musikalisch.

Beeindruckend ist auch die Formation Escuta aus Coesfeld. „Escuta“: Das bedeutet so viel wie „Hör zu!“. Und genau das macht das Publikum. Doch beim Zuhören allein bleibt es nicht: Auch der größte Tanzmuffel ist jetzt aus der Reserve gelockt und bewegt sich zu den modernen Sambarhythmen der Gruppe.

Für gute Stimmung sorgen auch die karibisch angehauchte Cocktailbar En Verano und kulinarische Spezialitäten vom Grill. An einigen Ständen gibt es selbst gefertigte Taschen, Schmuck und T-Shirts. Kinder sitzen auf Eseln der Familie Heidker vom Artländer Eselhof und juchzen. Die Atmosphäre lädt zum Verweilen ein: Viele Trommler und Gäste bleiben bis in die Abendstunden.

Um 19 Uhr heizt „Feuermann“ Marcel Dubiel dem Publikum ordentlich ein. Im wahrsten Sinne des Wortes: Er beeindruckt mit Feuerpulver und Fackeln. Dann ist es Zeit für die Konzerte in der Schützenhalle. Es spielen die Bands Pagode Juventude und Resoul.

Etwas abseits steht ein Trommler und schlägt zum Abschluss noch ein paar sanfte Beats. Es scheint, als könne er sich nicht von seinem Instrument trennen. „Ich liebe das Trommeln, es ist mein Leben. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen dem Trommeln und der Liebe, würde ich das Trommeln wählen“, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. Dann nippt er kurz an seinem Desperados und streicht liebevoll über seine Trommel.

<< Eine Bildergalerie gibts HIER.

(c) Bersenbrücker Kreisblatt – erschienen am 29. Mai 2011

Samba-Tänzerin Erika Da Silva

0

Runter vom Gas, rauf auf die Hupe

Jägerschaft und Polizei warnen Autofahrer vor Wildwechsel

Essen (Oldb.)/Bersenbrück. Braune Kulleraugen, lange Beine und ein weiches Fell: Der kleine Rehbock Heinrich ist gesund und munter, er hat Glück gehabt. Seine Mutter hat es leider nicht geschafft: Vor etwa vierzehn Tagen erfasste ein Auto die Ricke, sie starb. Ihr Junges machte mit Klagerufen aus dem Wald auf sich aufmerksam. Inzwischen hat der mittlerweile drei Wochen alte Heinrich ein neues, schönes Zuhause gefunden: Die Familie Göttke aus Osteressen kümmert sich liebevoll um ihn. Er entwickelt sich prächtig, und das liegt sicher nicht nur an der nahrhaften Lämmermilch: Der kleine Bock hat viel Bewegung, die Kinder der Familie spielen gern und oft mit ihm.

„Als wir gefragt wurden, ob wir uns um das Kleine kümmern möchten, haben wir nicht lange gezögert“, sagt Ziehmama Agnes Göttke. Sie weiß aus Erfahrung, wie schwer es ist, ein Kitz großzuziehen. Schon einmal hat sie sich fünf Jahre lang um ein Reh gekümmert. „Man muss aufpassen, dass es sich keine Magenverstimmung oder Durchfall holt. Die Milch muss deshalb zwischen 35 und 40 Grad warm sein“. Im Wechsel mit ihrer Schwiegertochter Margaretha kümmert sich die sympathische Frau um Heinrich – sogar nachts: „Fünfmal am Tag, alle viereinhalb Stunden kriegt er etwas zu essen“, erzählt Agnes Göttke. Ein 24-Stunden-Job: „Mir macht das Spaß“, sagt die vierfache Mutter.

Heinrich in seinem Gehege

Mit anderen Rehkitzen meint es das Schicksal leider nicht so gut. „Im Frühling kommen sehr viele Jungtiere auf die Welt. Verunglückt das Muttertier, haben die Kitze keine Überlebenschance“, weiß Uwe Duchow, Obmann für Öffentlichkeitsarbeit bei der Kreisjägerschaft Bersenbrück.
Vom 1. April bis zum 13. Mai 2011 sei es zu 183 gemeldeten Wildunfällen gekommen, so die Polizei Quakenbrück. Die Dunkelziffer sei wohl deutlich höher.

Was kann man tun, damit es nicht zu solchen Unfällen kommt? Grundsätzlich gilt: Autofahrer müssen immer und überall in der Region mit plötzlichem Wildwechsel rechnen.
„Im Frühling sollte man vor allem am Abend und am Morgen vorausschauend fahren und die Warnschilder beachten, denn zu diesen Tageszeiten passieren die meisten Unfälle“, mahnt Uwe Duchow. Doch auch tagsüber kann es zu Wildwechseln kommen, vor allem im Juli und August. Dann nämlich ist Paarungszeit. „Die Rehe springen unkontrolliert umher, hier ist besondere Vorsicht geboten“. Erste und wichtigste Maßnahme: „Runter vom Gas und Aufblendlicht vermeiden“. Das beeinflusse die Tiere massiv, betont Uwe Duchow und erklärt, dass es wichtig sei, auch die Hupe zu benutzen. Lässt sich ein Aufprall nicht mehr vermeiden, „auf keinen Fall das Lenkrad verreißen. Man muss auf das Tier zusteuern.“ Ihm gefalle das auch nicht, sagt Uwe Duchow, aber es nütze eben alles nichts: „Ansonsten besteht Lebensgefahr.“

Und was, wenn der Unfall doch passiert ist? Eine Kurzeinweisung in drei Schritten: Warnblinkanlage einschalten, Warnweste anlegen und die Unfallstelle mit einem Pannendreieck absichern. Und weiter: Behindert das verletzte oder tote Wild den Verkehr, muss es von der Fahrbahn genommen werden. Mitnehmen darf man das Tier aber nicht. Wer es dennoch macht, riskiert eine Anzeige wegen Wilderei. Danach sollte man die Polizei und die örtliche Jägerschaft anrufen. Ist kein Telefon zur Hand, darf sich der Fahrer ausnahmsweise vom Unfallort entfernen und Hilfe holen – anders als bei anderen Unfällen, wo das als Fahrerflucht gilt.

In einigen Teilen des Altkreises Bersenbrück sind inzwischen so genannte Wildwarnreflektoren im Einsatz. Sie werden an den Leitpfosten angebracht. Die Funktionsweise: Das an den Reflektoren zurückgestrahlte Scheinwerferlicht der Autos bildet eine Art Lichtzaun, der das Wild abschreckt. „Die Farbe Blau nehmen Rehe am besten wahr, sie bleiben stehen und überqueren die Straße erst, wenn das Licht erloschen ist”, erklärt Uwe Duchow. Eine Maßnahme mit Erfolg: Statt bisher acht Unfällen im Jahr gebe es jetzt nur noch drei bis vier. „Hier muss man noch viel großflächiger arbeiten und mehr Reflektoren anbringen oder bei der Herstellung der Leitpfosten gleich Wildwarnreflektoren anbauen.“

Heinrich – von den Göttkes liebevoll „Hennek“ genannt – springt in seinem Gehege herum. Die Familie hat es eigens für ihn gefertigt. „Er ist wohl über den Berg“, sagt Agnes Göttke mit einem Lächeln. Plötzlich schaut die Frau mit den wachen Augen ernst. „Man muss den Leuten unbedingt klar machen, dass sie vorsichtiger fahren müssen, damit nicht wieder ein Kitz seine Mutter verliert.“ Und dann wird es auch schon wieder Zeit für Henneks Lämmermilch-Fläschchen.

(c) Erschienen am 27.05.2011 im Bersenbrücker Kreisblatt

0

Aufs Reh gekommen

Aus großen, braunen Kulleraugen schaut er mich an. Mein Herz wird auf der Stelle weich, und es entfährt mir ein „Ooooooh …“.

Heinrich ist erst ein paar Tage alt – und er ist ein kleiner Rehbock. Seine Mama wurde von einem Auto überfahren. Jetzt wird er hier auf unserem Hof von den Vermietern großgezogen.

Nächste Woche schreibe ich eine Reportage zum aktuell hier brisanten Thema Wildwechsel. Heinrich wird ebenfalls darin vorkommen.

 

0

„Ich war Hitlerjunge Salomon“

Sally Perel erzählt Schülern in Bersenbrück und Berge aus seinem Leben

Berge/Bersenbrück. „Du sollst leben!“ hatte seine Mutter dem damals 14-Jährigen beim Abschied gesagt. Es habe eher wie ein Befehl als wie ein Wunsch geklungen. Sally Perel, heute 86 Jahre alt, ist inzwischen in aller Welt als „Hitlerjunge Salomon“ bekannt.

In der Sporthalle der Haupt- und Realschule Berge erzählte der Jude im Rahmen einer Lesereise aus seinem bewegten und bewegenden Leben zur Zeit des Nationalsozialismus. Es ist Montag, der erste Tag seiner Reise, doch bereits sein zweiter Vortrag: Vorher war er am Gymnasium Bersenbrück zu Gast. Im April 1925 in Peine/Niedersachsen geboren, erlebte Perel die ersten zehn Jahre seiner Kindheit als äußerst glücklich. „Es war die schönste Zeit in meinem Leben.“ Eines Tages wird Sally zum Direktor gerufen und mit den Worten „Juden haben hier nichts mehr zu suchen“ der Schule verwiesen. Das habe ihn damals tief getroffen und in seinen Grundfesten erschüttert, sagt der sympathische Mann traurig, denn er sei gern zur Schule gegangen.

Als die Geschäfte der Juden in Peine zerstört werden, darunter auch das Schuhgeschäft der Eltern, zieht die Familie 1938 nach Lódz in Polen. Doch nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht schicken Perels Eltern ihn und seinen älteren Bruder Isaak fort, sie sollen sich nach Russland durchschlagen. „Du sollst leben! Diese Worte werden bis zu meinem letzten Atemzug in mir nachhallen“, sagt Sally Perel mit geröteten Augen. „Meine Mutter hat mir das Leben gerettet, und wann immer ich in Gefahr war, habe ich an sie gedacht.“ Er nahm diese drei Worte als Verpflichtung zu überleben – sich selbst und seinen Eltern gegenüber. „Vergiss niemals, wer du bist“, gab sein Vater noch mit auf den Weg.

In den Wirren des Krieges von seinem Bruder Isaak getrennt, schlägt sich Sally Perel bis in den russischen Teil Polens durch. Dort wird er von der Wehrmacht aufgegriffen. Perel behauptet, ein von den Bolschewiken verschleppter Volksdeutscher zu sein. Diese spontane Geistesgegenwart rettet dem Jungen das Leben, man glaubt ihm sofort. Unter dem Namen Josef „Jupp“ Perjell kämpft er an der Front, ist deutsch-russischer Dolmetscher. Später wird Perel an der HJ-Schule in Braunschweig angemeldet, wo er einige Jahre bleibt. Er beginnt, sich mit der Nazi-Ideologie zu identifizieren. „Ein jugendliches Hirn kann man schnell vergiften“, weiß Sally Perel und schaut die 14- bis 16-jährigen Jugendlichen eindringlich an. Seine Tarnung fliegt bis zum Kriegsende nicht auf. Doch die Angst sitzt tief, ständig muss er darauf achten, dass seine Identität nicht auffliegt, dass man seine Beschneidung nicht bemerkt. Noch heute schrecke er aus Albträumen auf. „Jeden Tag – 24 Stunden am Tag – in Furcht zu leben, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie das ist“, sagt er zu den in der Sporthalle versammelten Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren. Die sind sichtlich betroffen.

1992 erschien Sally Perels Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“. Erst 40 Jahre nach dem Krieg begann er mit dem Schreiben. „Ich habe lange gebraucht, um das Erlebte aufzuarbeiten“, antwortet er in leisem Tonfall. Das Buch wurde nicht nur weltbekannt, es wurde auch verfilmt. Die Schüler in Berge haben es gelesen, manche haben auch schon den Film gesehen. Staunend und berührt, einige sogar mit geröteten Augen, sitzen sie da, als Sally Perel aufhört zu reden. Im Anschluss stellen sie Fragen. Viele Fragen – voll Beklemmung und Interesse.

„Wenn ich es schaffe, auch nur einen jungen Menschen hier zu erreichen, dann hat sich mein Besuch gelohnt“, sagt der sympathische Sally Perel, der heute in Israel lebt. „Hitler wurde damals zwar besiegt, geistig aber leider noch lange nicht.“ Und dann stürmen die Schüler los, um sich ihr Buch oder ihre DVD signieren zu lassen.

(c) Erschienen im Bersenbrücker Kreisblatt.

Sally Perel spricht in der Haupt- und Realschule Berge.

Begehrtes Autogramm: Sally Perel signierte in Berge für zahlreiche Schüler seine Autobiografie.

0