Mit dem zweiten sieht man alles anders

Das erste Mal schwanger, das erste Mal ein Kind großziehen. Eine der aufregendsten Erfahrungen überhaupt. Klar, dass man sich da so richtig ins Zeug legt und sich möglichst vorbildlich verhalten möchte. Doch wie sieht das beim zweiten Kind aus?

1. Schwangerschaft

Als ich mit unserem ersten Kind schwanger war, führte ich Babyblog. Der Babybauch würde geölt und bekuschelt, wir hörten klassische Musik und schliefen viel. Es war eine entspannte Schwangerschaft. Mit Baby Nummer zwei war alles anders: Weil ich bereits einen Alltag mit Kleinkind zu bewältigen hatte, blieb wenig Zeit, mich mit dem heranwachsenden Kind in meinem Bauch zu beschäftigen.

2. Nestbautrieb

Was kaufte, hortete und hübschte ich auf, als unser erstes Baby unterwegs war! Es kamen uns Babybettchen, Kinderwagen, Laufstall und zur Sicherheit noch Fläschen ins Haus. Alles Dinge, die man im Grunde gar nicht benötigt. Aber das sollte ich natürlich erst später in der Praxis erfahren … All die Anschaffungen blieben bei Kind Nummer zwei aus. Lediglich eine Tragehilfe schaffte ich an – und die war Gold wert.

3. Geburt

Gegen Ende der ersten Schwangerschaft ging es mir richtig gut, ich wusste ja nicht, was mich erwartete. Natürlich hatte ich einen Vorbereitungskurs besucht, hatte gehechelt und gepresst, aber die Realität sah natürlich anders aus … Vor der Niederkunft mit unserem zweiten Sohn hingegen hatte ich Angst. Ich konnte mich zwar nicht mehr an den Wehenschmerz erinnern, doch wohl daran, dass eine Grenzerfahrung für mich war.

4. Stillen

Bei diesem Thema scheiden sich bekanntermaßen die Geister … Für mich war klar: Ich möchte stillen … Aber was habe ich mich beim ersten Kind gestresst. Was habe ich mich deshalb verrückt gemacht, meine Kompetenzen als Mutter infrage gestellt, wenn es nicht so klappte! Bei Baby Nummer zwei war ich mir sicher: Ich möchte wieder stillen, aber diesmal bitte stressfreier. Zum Glück ging diese Rechnung auf (vielleicht aber nur deshalb, weil ich eben entspannter war).

5. Co-Sleeping

Unser erster Sohn wurde gerade erst geboren, da schallte es schon aus allen Ecken und Enden: „Schläft er schon im eigenen Zimmer?“ Äh … „Also, in einem Schlafsack im eigenen Babybettchen ist ja am sichersten. Plötzlicher Kindstot und so.“ Ähm … „Du kannst ihm sanft antrainieren, dass er allein schläft …“ Nein, nein und nochmals nein. Wir haben sie natürlich ausprobiert, die Sache mit dem Babybett. Als der Kleine weinte, haben wir ihn instinktiv sofort wieder zu uns genommen – die richtige Entscheidung. Wer schläft schon gern allein? Beim zweiten Sohn handelten wir sofort, wie der Bauch uns riet: Ab ins Familienbett mit Groß und Klein! (Quizfrage: Hatten Steinzeitbabys eigene Bettchen oder kuschelten sich alle Familienmitglieder eng aneinander?)

6. Zubettbringen

„Irgendwann muss er aber lernen, allein in seinem Bett einzuschlafen.“ Ich korrigiere: Irgendwann wird er es von ganz allein wollen. Und der andere auch. Einen Unterschied gab und gibt es bei unseren Jungs aber doch: Der „Große“ wurde ab dem Alter von zweieinhalb Jahren in seinem Bett in den Schlaf begleitet – um nachts zu uns Eltern zu kommen. (Er hatte für später ein schickes, rotes Autobett von den Großeltern bekommen, da wollte er unbedingt rein!). Baby Nummer zwei muss gar nicht erst wandern: Er schläft da, wo er seine geforderte Elternnähe bekommt. So lange er das möchte – und natürlich wir Eltern.

7. Babyschwimmen

Ich erinnere mich noch genau, wie wir mit Baby P. vor über sechseinhalb Jahren motiviert zum Babyschwimmen gingen. Es war eine kleine Runde von fünf Babys mit ihren Eltern, angenehm war das, aber hinterher waren wir alle ziemlich erschöpft. Alles in allem war es eine Erfahrung, die man machen kann, aber irgendwie nicht muss … Als Baby K. geboren wurde, nahmen wir uns vor: Wir gehen wieder zusammen baden, diesmal zu viert. Doch der zweite Knirps hasste das Babyschwimmen, er fing nach einigen Minuten regelrecht das Schreien an. Nach drei Wochen gaben es wir es trotz bereits vollständig bezahltem Kurs auf – und es war gut so für uns alle vier.

8. Süßigkeiten müssen doch nicht sein?
So in etwa hielt ich es mit Nummer eins, und es war recht einfach: P. hatte noch keine Geschwister, er kannte einfach noch keine „klassischen“ Süßigkeiten. Er begnügte sich mit Rosinen, selbstgemixten Smoothies und mit mit zerkleinerten Datteln gesüßten Keksen. Im Kindergarten kam mein Sohn dann auf den Geschmack und fragte explizit nach Süßigkeiten wie Schokolade, Kaubonbons oder Gummibärchen. Das war dann auch in Ordnung für uns Eltern. In Maßen, natürlich, auch das funktionierte ganz gut. Als Kind Numero zwo etwa zehn Monate alt war und seinen älteren Bruder Süßigkeiten naschen sah, wollte er natürlich auch. Die Schokolade war sein.

9. Rituale und Regeln

„Kindern muss man Grenzen setzen, sie brauchen Rituale.“ Wie oft habe ich diese Worte von älteren Familienmitgliedern gehört. Ganz wichtig finde ich für unsere gesamte Familie das Vorlesen vor dem Schlafengehen. Eine gewisse Reihenfolge im Alltagsablauf lassen sich mit einem ersten Kind wunderbar umsetzen. Kommt ein zweites ins Spiel, funktioniert einiges einfach nicht mehr so oder eben ungeordneter.

10. Fernsehen

Zu viel vor der Glotze oder dem Tablet hängen ist schädlich? Ja, dachten wir als junge Erstlingseltern. Und achteten darauf, dass unser Sohn möglichst wenig fernsieht. Beim zweiten Jungen lief es natürlich ganz anders: Er sah bereits im zarten Alter von einem Jahr mit. Und wir Eltern? Entspannen zunehmend, erinnern uns, wie es zu unserer Zeit war: nämlich gar nicht anders.

(Die Erstpublikation dieses Texts erschien bei Hallo:Eltern)

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Schritt für Schritt ins Leben …

„Mama, wann darf ich denn nun endlich mal allein zur Schule?“ P. sieht mich erwartungsvoll an, er stellt diese Frage nicht zum ersten Mal. Meine Antwort (leider auch nicht zum ersten Mal): „Nach dem Sommer sehen wir weiter. Okay, Schatz?“ Hoffentlich komme ich noch einmal damit durch … Mein fast Siebenjähriger runzelt die Stirn und schüttelt energisch den Kopf. „Nein, ich will den Schulweg heute üben.“ Mist. Heute gleich? Dann wird es jetzt also wirklich ernst.

Es ist Montag, es sind Ferien, wir verreisen erst in ein paar Tagen und haben nichts weiter vor. Der fast vierjährige Bruder K. springt wie ein Flummi auf und ab. „Jaaa, ich fahr‘ mit dem Laufrad!“ Na gut: Nicht lange fackeln. Einfach machen. Kurzerhand öffne ich die Garage und lasse den erfreuten P. seinen – bepackten – Ranzen aufhuckeln. „Hihi, da wundern sich die Leute bestimmt, weil doch keine Schule ist.“ Genau. Aber: Wenn schon, denn schon.

Üben heißt das Zauberwort

Bevor wir losgehen sprechen wir noch einmal über den gesamten Weg, den wir schon seit einem ganzen Schuljahr kennen. Und wichtige Fragen: „Was passiert, wenn dich ein Fremder anspricht? Und wenn er sagt, er hat zu Hause süße Hundebabys, du sollst mal mitkommen?“ Mein ältester Sohn grinst. „Na, dann gehe ich mit!“ Der Schalk blitzt ihm aus den braungrünen Kulleraugen. Und als er mein entsetztes Gesicht sieht, muss er lachen: „Ich gehe natürlich nicht mit, Mama.“ Ich sage: Damit macht man besser keine Scherze (mich schaudert es …). „Und was machst du, wenn die Fußgängerampel ausfällt?“ (Das ist sie bisher nicht, aber man weiß ja nie …) P. überlegt kurz. „Dann schaue ich gaaanz genau nach links und rechts und dann wieder nach links.“ Prima. Guter Junge.

Jetzt geht es los!

Wir wohnen in einer Spielstraße, das ist gut. „Aber auch hier muss man immer genau auf den Verkehr achten, schon beim Verlassen unserer Auffahrt“, mahne ich. Mein Sohn. K. indessen fährt schon mal kreuz und quer auf der Fahrbahn … Ich bedeute ihm, an meiner Seite zu bleiben.

Es geht los. P. marschiert mit seinem orangeleuchtenden Schulranzen voran. K. und ich laufen beziehungsweise fahren etwa vierzig oder fünfzig Meter hinter ihm. P. macht das gut, geht sicher auf der linken Seite.

Jetzt kommen wir zur relativ stark befahrenen Querstraße, einer Vorfahrtsstraße. P. schaut, biegt links in den Fußgängerweg, hält sich dort gut und sicher, die Radfahrer kommen gut an ihm vorbei. Mein Fratz dreht sich wenige Male um und winkt. Ich winke zurück. K. winkt ebenfalls und kreischt: „Halloooo!“

Einige Meter weiter folgt die nächste Querstraße. P. weiß, dass er „Vorfahrt“ hat, schaut dennoch nach links. Ein sich annäherndes Auto aus dieser Straße hält, P. überquert. Alles paletti.

Fünf Meter weiter: die Fußgängerampel: Mein Schulkind berührt die Ampelarmatur. Als das Signal von Rot auf Grün umschaltet, guckt P. rasch nach links und rechts und wieder links und geht. Ich bin so stolz auf ihn. Der schwierigste Teil der Strecke ist geschafft.

Fast da…

Jetzt geht es nur noch durch unseren tollen Park mit Rad- und Fußgängerweg, vorbei an einem großen See (zum Glück kann P. schwimmen), einem Kletterspielplatz (Gott sei Dank ist er sportlich) und einer Oberschule (und er kann Taekwondo!).

P. macht das wirklich prima, läuft gut am Rand. Ein paarmal möchte K. zu ihm fahren, ich erkläre immer wieder geduldig, warum das jetzt nicht sein soll.

Letzte Etappe vor dem Schultor: der Zebrastreifen. Am Morgen stehen hier Lotsen, die den Kindern helfen. Jetzt ist niemand da. P. schaut, geht, er ist angekommen. Er blickt sich nach uns um und strahlt. „Mama, geschafft!“

Als ich bei ihm ankomme, lobe ich ihn überschwänglich und sage, dass wir das jetzt noch ein paarmal üben. Und dass er dann allein zur Schule gehen darf. P. steht der Stolz ins Gesicht geschrieben. „Jaaa!“ Und ich denke: Er geht Schritt für Schritt in die Welt hinaus … aber erst einmal allein zur Schule. Mein Kind wird groß.

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