Es ist nichts

Sie ist etwa Ende 50. Vielleicht täuscht das auch, und sie ist wesentlich jünger. Ihre Kleidung starrt vor Schmutz. Die Schuhe zerschlissen. Die halblangen, ergrauten Haare liegen klebrig an ihren Wangen. Sie sitzt da auf dieser Bank – und weint. Lautlos. Ich sehe zunächst nur ihre Schultern zucken. Ich bin auf dem Weg von hier nach dort und verlangsame meine Schritte. Nach einem Zögern, das mir wie drei Stunden vorkommt, setze ich mich neben sie. Jetzt kann ich auch ihre Tränen sehen.

Kalt da auf dieser Bank. Friert sie denn nicht? Es ist wieder Winter geworden – und das, obwohl der Frühling schon zum Greifen nah war. Vogelgezwitscher, duftende Luft – sogar hier in der Großstadt. Alles schon dagewesen dieses Jahr.

„Kann ich helfen?“ Sie ignoriert meine Frage und weint weiter – still vor sich hin. Ich überwinde mein Unbehagen und rücke ein Stück näher. Was, wenn sie ihre Ruhe haben will? Ich versinke in meinen Gedanken, die verschiedener nicht sein könnten als in diesem Augenblick.
„Es ist nichts.“ Der Klang ihrer Stimme steht im krassen Gegensatz zu ihrer Kleidung – rein und kräftig klingt sie. Sie bemerkt meine Verwirrung. „Ich wollte immer nur singen. Mehr wollte ich nicht.“ Dann steht sie auf und geht. Einen Blick zurück über die Schulter wirft sie mir noch zu. „Danke, Mädchen.“ Dann ist sie verschwunden.

Da sitze ich nun auf dieser Bank – und fange an zu weinen. Eine Frau geht an mir vorüber. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass sie mitleidig schaut. Sie hält inne. Ich stehe auf, nicke ihr lächelnd zu. „Es ist nichts weiter“, sage ich.

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7 Antworten auf „Es ist nichts“

  1. Eine wunderschöne berührende Miniatur. Allerdings ist dieses „nichts“ sehr viel mehr als „nichts“. Menschliche Anteilnahme ist ganz viel wert, auch wenn man nicht wirklich helfen kann.

  2. Liebe Coralita,
    ja, da liegt wahrlich viel darin… und immer wieder gehen Menschen vorüber und schauen weg, wollen damit nichts zu tun haben… Mich berührt deine Geschichte sehr – danke dir!
    Herzliche Abendgrüße von Elisabeth

  3. Wow.
    Wie man mit einem vermeintlichen „Nichts“ alles aussagen kann.
    Alles kann „Nichts“ sein. Oder das „Sein“ ist nichts…
    Ein so kurzer Text in dem so viel Inhalt steckt.

    Ich bin begeistert

    herzliche Grüße
    Karin

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