Monika Heil: „Ich liebe ihn“

aus: Anja Polaszewski (Hrsg.): „Liebe … und Liebe lassen“.

Wirklich! Ich liebe ihn sehr. Deshalb schweige ich, wo andere Frauen mit Anklagen kämen. Ich will nur sein Bestes. Sogar neulich, als ich begriff, dass er eine Freundin hat, habe ich nichts gesagt. Aus Liebe! Das geht vorbei, habe ich mich beruhigt und – ich hatte recht. Nach sechs Wochen kam er abends wieder pünktlich nach Hause. Keine Ausreden, wenn ich fragte, wo er so lange gewesen sei. Keine angeblichen Überstunden mehr. Kein fremder Parfumgeruch an seinen Hemden. So geht das seit Jahren. Natürlich bin ich wütend. Sauer! Aber dann sage ich mir: Rosa, was willst du, auf deine alten Tage allein sein? Nur noch mit dem Hund reden? Nein, antworte ich mir dann. Ich freue mich jeden Abend auf ihn, wenn er von der Arbeit kommt. Auch wenn er abgespannt ist und wortkarg.

Ich warte auf seine erste Frage, wenn er zur Tür hereinkommt: „Was gibt’s zu essen?“
„Überraschung!“, rufe ich dann und gehe in die Küche. Ich liebe ihn und seine Lügen. Oh ja, ich merke ganz genau, was wahr ist und was nicht, wenn ich ihn frage:
„Was gibt es Neues in der Firma?“ Viel erzählt er ja nicht.
„Nichts Besonderes“, brummt er meist nur.Ich liebe jedes seiner einhundert Kilo. Ich liebe sein inzwischen schon etwas schütteres Haar. Ich liebe unsere Gespräche, auch wenn sie nach vielen Jahren nichtssagend und ohne Überraschungen sind. Aber wir sprechen noch miteinander. Das ist mir wirklich wichtig. Wenn ich da an unsere Nachbarn denke. Sie sitzt abends ganz allein vor dem Fernseher. Er kommt höchstens einmal im Monat vorbei. Das kann er sich auch sparen, denke ich, wenn ich sein Auto höre und dann hinter der Gardine nach ihm sehe. Aber das geht mich eigentlich gar nichts an.

Ja, ich liebe ihn. Als ich letztes Jahr nach einer Geschäftsreise seinen Koffer auspackte, musste ich doch mal schlucken. Kondome! Eine ganze Packung. Dann stellte ich fest, dass sie noch vollzählig waren. Hätte ich ihn zur Rede stellen sollen? Wozu? Offenbar hatte er ja keine Gelegenheit gehabt, sie zu benutzen, obwohl er mit dieser jungen Kollegin – wie heißt sie doch gleich? Ach ja, Britta Schneider. Also, obwohl er mit dieser Britta Schneider in München war. Geschieht ihm recht. Die junge Frau war offenbar vernünftiger als er – ein Mann von zweiundfünfzig Jahren und dann noch so … na ja. Ich gebe ja zu, ich mache mir zu viele Gedanken. Ella, meine beste Freundin sagt, das sei nicht normal, als ich kürzlich nicht einmal mit in das Konzert ging, auf das wir uns beide so lange gefreut hatten. Ich wollte nur vermeiden, dass Heiner abends in die leere Wohnung kommt. Das war damals, als er angeblich so viele Überstunden machen musste. Da hat sie gemeint, ich solle mal zum Psychiater gehen. Was weiß die denn schon von Liebe?

Ich liebe ihn nun mal. Und lieben heißt, alles verzeihen, habe ich irgendwo gelesen. Ja, ich habe meinem Heiner auch verziehen damals, als ich ihn spät abends aus diesem obskuren Club kommen sah. Es war ein schöner Sommerabend gewesen, und ich war spät noch mit dem Hund draußen. Ich bin da ganz zufällig vorbei gekommen. Ehrlich! Oder im Unterbewusstsein, nachdem ich in seiner Hosentasche dieses Streichholzbriefchen gefunden hatte mit dieser eindeutigen Werbung. Ich habe nur eine halbe Stunde mit dem Hund hinter den Büschen gewartet, und da kam er zufällig heraus, gerade als ich endlich gehen wollte. Nein, er hat mich nicht gesehen. Obwohl, er hat mich irgendwie komisch angeschaut, als ich zehn Minuten nach ihm mit dem Hund zurück kam.

In einem ist er ja diskret, mein Heiner. Es ruft nie eines seiner Flittchen hier an. Wahrscheinlich melden die sich nur auf seinem Handy. Das trägt er immer bei sich. War ja anders gemeint, als ich es ihm im letzten Jahr schenkte. Ich hatte mir gedacht, er freut sich, wenn er zu jeder Zeit mit mir Kontakt haben kann. Bei seinen vielen Außendiensttouren erreiche ich ihn doch nie, wenn mal was ist. Wenn er Innendienst hat, ist das viel einfacher. Da kann ich ihn schon zum Frühstück im Büro anrufen und erzählen, was ich für den Abend Schönes für uns koche. Wenn ich aber auf seinem Handy anrufe, ist immer diese Mailbox dran. Gut, wenn ich dann sage, er soll mich zurückrufen, tut er es meist auch.
Manchmal bilde ich mir allerdings ein, er ist dann sehr kurz angebunden. Na ja, das kostet ja auch alles Geld. Kürzlich habe ich ihm das auch mal gesagt.
„Ich finde das nicht nett von dir“, habe ich ihm vorgeworfen, „dass du dein Handy immer ausgeschaltet hast. Schließlich ist das ein Geschenk von mir.“ Da wurde er ganz schrecklich wütend. „Ich brauche auch mal ein bisschen Privatsphäre!“, hat er gebrüllt. Ein Wort gab das andere. Und zum Schluss hat er doch tatsächlich wieder einmal damit gedroht, sich eine eigene Wohnung nehmen zu wollen. Aber als ich dann anfing zu weinen, da hat er mich gleich in den Arm genommen und gesagt:
„Ist ja schon gut Mutter, ich bleibe ja bei dir.“
Er ist doch ein guter Junge, mein Heiner.

Selbsterklärend, finde ich.

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8 Antworten auf „Monika Heil: „Ich liebe ihn““

  1. Hallo Gesa,

    ja, das ist richtig. Mir ging es da ganz genauso. Ich habe groooße Augen gemacht, als ich den vorletzten Satz las – und anschließend herzhaft gelacht. Sofort wusste ich: Diese Geschichte wird in die Anthologie „Liebe … und Liebe lassen“ übernommen. Im Werk gibts viele solcher spannenden und ungewöhnlichen Geschichten. Ich bin richtig stolz auf „meine“ Autoren. 🙂

    Liebe Grüße,
    Coralita

  2. Na, wenn da nicht der Leser ganz bewusst, ganz geschickt und sehr gekonnt auf die falsche Fährte gelockt wird. – Etwas stutzig war ich schon und dachte so: „Wer kann denn so aufopfernd und selbstlos alles verzeihen, das grenzt ja schon an Dusseligkeit“ – aber bei dieser Lösung stimmt alles!

  3. Klasse! Das ist doch mal ein überraschendes Ende. Die meisten Geschichten dieser Art sind, trotz des Versuchs Spannung aufzubauen, letzendlich dann doch vorhersehbar.
    Viele Grüße
    Monika

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