Du bist „the real shit“ – sei stolz drauf!

Liebe Sarah Kuttner,

man kennt Dich als die Quasselstrippe der Nation. Immer heiter, immer froh, immer etwas labernd, egal wo, egal wann. Ich habe heute Dein Buch gelesen, Du weißt schon, Mängelexemplar. In einem Rutsch habe ich das getan, weil es gar nicht anders ging. Weil vieles von dem, was ich da in Form von gedruckten Buchstaben vorfand, mich dermaßen an mich selbst und mein Leben vor einiger Zeit erinnerte.

Ich konnte Dein Buch gar nicht zur Seite legen. Es war mein Begleiter auf dem Klo, beim Sitzen auf der Parkbank (wo ich mir fast den Allerwertesten abgefroren habe) und dann wieder am Schreibtisch. Ja, sogar da. Dein Buch hat mich nämlich gefesselt, weil es so anders ist als Du. Dachte ich bis heute. Aber ihr zwei, ihr seid euch ähnlicher, als Du Dir einzugestehen wagst.

Ich schaue mir abends sogar Interviews aus den Zeiten an, als Dein Buch erschienen war. Du antwortest nur zweideutig. Du, die sonst immer schlagfertig ist und drauf los plappert. Unbedarft. Aber genau das ist es ja …

Wovor hast Du eigenlich Angst, liebe Sarah? Vor der Öffentlichkeit, die Panikanfälle und Angstzustände noch immer weitgehend tabuisiert oder was? Scheiß da mal drauf, die Öffentlichkeit erfährt – und sie vergisst auch wieder. Ein großer Moloch, der verschlingt, was ihm vor die Augen kommt. Und in ein paar Jahren quatscht kein Mensch mehr davon. Wovon auch immer.

Also – unter uns: von wegen Protagonistin! Damit bescheißt Du doch nur Dich selbst. Inzwischen bin ich mir sicher, dass Du das Buch autobiografisch geschrieben hast. Woher kannst Du als Angstlaie – noch dazu warst Du u30, als Du angefangen hast, das Buch zu schreiben – wissen, was eine Tavor ist?

Gute Recherche? Deine beste Freundin ist depressiv? Deine Mama, die Dich früher geohrfeigt hat und die im Roman plötzlich so schön auf Dich acht gegeben hat? Von wegen! Nein, dieses Buch hast Du geschrieben, weil Du wahrscheinlich ein Tagebuch verfasst hast, als es Dir so dreckig ging. Und dann hast Du ein Buch daraus gemacht – und es in größtenteils humoristische Worte verpackt. Ich finde das gut! Anders würde ich das auch nicht machen. Das meine ich ernst. Und ich habe es bereits getan – nur anders, in meinem „Berlin“-Buch.

Quark, sagst Du? Ich kenne Dich doch gar nicht? Stimmt. Und doch bin mir ganz sicher, dass Du eine Depression durchlebt hast. Warum? Darum. Glaub mir einfach. Und es ist ja auch keine Schande. Das Thema ist sogar zu einer Normalität geworden, wie wir sie im Fernsehen und in den Medien allgemein entdecken können: flächendeckend, fleckenbehaftet, skrupellos, selbstmitleidig (nur dann und wann), unkontrolliert, hyperventilierend, atemnötisch, bestialisch, angsteinflößend eben. Aber das ist Quatsch. Das kriegt man wieder in den Griff. Mit guten Gedanken – und vielleicht ein paar Pillen, die manchmal wirklich Wunder wirken, Tavor eingeschlossen.

In Mängelexemplar berichtest Du von einer jungen Frau Mitte oder Ende 20, die es „voll erwischt“ hat. Aber nicht etwa im verliebten Sinne, sondern mit voller Wucht hirnstoffwechseltechnisch. Sie rast mit ihrem Wagen die Angst- und Panikautobahnen dieser Welt entlang, greift dann und wann zu einer Tavor. Das ist ein angstlösendes beruhigungsmittel, das tatsächlich ein bisschen stumpf macht – habe ich mir sagen lassen. Haha. Die beste Freundin.

Sarah, Du bist enttarnt. Aber: Ich liebe Dein Buch!
Deine Coralita

Für K. H., die gerade Ängste durchmacht. Alles wird gut.

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16 Antworten auf „Du bist „the real shit“ – sei stolz drauf!“

  1. Ich habe das Buch auch gelesen. Ich habe es mir an einem deutschen Flughafen gekauft, war damals beruflich auf dem Weg nach Nordafrika und hatte absolut keine Lust Deutschland zu verlassen. Und weil ich dachte, es sei leichte Lektüre, habe ich dem Buch eine Chance gegeben. Und (!) es gab auch nichts anders, was mich angesprochen hat. Ich hätte sonst niemals etwas von Sarah Kuttner gelesen. So kann man sich aber täuschen – leicht zu lesen ist es allemal, aber mit feinen Sensoren erkennt man, dass das Buch harter Tobak ist ( wenn wir schonmal dabei sind, erklär‘ doch mal, woher „harter Tobak“ kommt 😉 ). Mich interessiert, wie Du auf das Buch aufmerksam geworden bist 🙂 Eher Zufallskauf wie bei mir oder hat es jemand empfohlen?

    Genau wie Du musste ich danach meine Meinung über Sarah Kuttner revidieren. Ob es autobiographisch ist oder nicht, will ich einfach mal so im virtuellem Raum stehen lassen…

    Aber ja, chapeau Sarah 😉

  2. Liebe Nayla,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Du bist nicht aus Deutschland? Woher kommst Du, und wie kommt es, dass Du so gut Deutsch sprichst?

    Ich bin auf das Buch in einem Supermarkt in Cloppenburg aufmerksam geworden. In der Nähe der Kasse gab es ein Regal mit Bestsellern und älteren Büchern. Da ich die meisten dieser Bestseller bereits gelesen hatte, schaute ich mich bei den „Oldies“ um – und da stach es mir ins Auge. Ich hatte nie vor es zu lesen, hätte ich nicht irgendwann im Blog einer Freundin von diesem Buch erfahren. Sie lobte es in ziemlich hohen Tönen. Na, und da griff ich eben zu. Also eher so ein bewusster Zufallskauf. 🙂

    Herzliche Grüße,
    Coralita

  3. @ Coralita: Hmm, also. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich habe Deutsch woanders gelernt 😉 Jedoch bin ich in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber meine Eltern sind aus Ägypten. Deswegen habe ich mich bewusst entschlossen eine gewisse Zeit lang in Kairo zu leben. Beruflich bin ich von dort aus viel rumgereist. Jetzt lebe ich wieder in Deutschland, mal sehen wie lange. Aber für „jetzt“ bin ich wieder sehr gerne hier. Das war lange Zeit anders.

    Ich komme, glaub ich, ein bisschen von überall her. Weiß gar nicht, ob ich das schonmal gesagt habe, aber ich finde Deinen Blog wirklich gut gelungen. Bin gerne hier.

  4. „Huhu“ Katrin,

    Du bist die Freundin, von der ich in der Antwort auf Naylas Kommentar berichtete. 🙂
    Bei Dir habe ich von dem Buch erfahren. Und da ich weiß, dass Du einen guten Geschmack hast, hat sich das eben ergeben. Auch hier in Cloppenburg bist Du also in meinen Gedanken! 😉

    Eine Umarmung,
    Anja

  5. Liebe Nayla,

    das klingt interessant, nach „mal hier und mal dort“. Bereitet Dir das Reisen Freude? Hast Du das Gefühl, als erweitere es Deinen „Horizont“? Oder bist Du manchmal sogar davon genervt?

    Ich freue mich, dass Du gern hier liest. Ich mach das hier ja auch nicht zum Spaß. *Grins*
    Das ist natürlich ein Scherz, denn gerade die Arbeit am Blog bereitet mir sehr viel Freude. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit dafür.

    Herzlich,
    Coralita

  6. Das Reisen an sich prägt einen sehr, vor allem wenn man Länder besucht, die so ganz anders sind als der Westen. Mit anderen Traditionen und Werten. Bräuchen und Ritualen. Es macht toleranter und weltoffener, aber auch wütend, denn man sieht dann so richtig wie ungerecht die Welt verteilt ist. Was das betrifft, erweitert das Reisen definitiv den Horizont und öffnet das Herz für Neues und Fremdes.

    Inzwischen bin ich doch genervt vom Reisen, wenn es „beruflich“ sein muss. Man sieht nicht das, was man gerne sehen würde, wenn man einen straffen Zeitplan hat. Ich bin gerne sesshaft und würde dann einmal im Jahr irgendwo Urlaub machen wollen. „Reisen“ als Hobby ist definitiv etwas für mich, aber beruflich reisen ist eher eine Qual.

    Das mit der Blogpflege kenne ich zu gut. Wenn man dann mal Zeit hat, dann kommt einem die Schreibblockade in die Quere. Ich werde bald einige Änderungen in meinem Blog vornehmen, und einen Blogroll einrichten. Würde Dich dann gerne dort verlinken, schau doch mal vorbei, wenn Du Zeit findest 🙂

    Lg aus dem Rheinland…
    Nayla

    P.S: ICH LIEBE BERLIN! Dort war ich „beruflich“ IMMER sehr gerne.

  7. Hallo Coralita, nach meiner kurzen Auszeit und den vielen Kommentaren, die mit meinem Projekt zusammenhängen, bist du jetzt die erste, bei der ich schreibe, weil ich mich einfach für die lieben Wünsche bedanken möchte, die du mir hinterlassen hast.
    Das Buch kenne ich zwar nicht, hört sich aber lesenswert an.
    Für deine privaten und dienstlichen Projekte wünsche ich dir für 2011 gutes Gelingen.
    Herzlichst Clara

  8. Liebe Nayla,

    das stimmt. Reisen prägt. Die Reise, die mich bisher am meisten geprägt hat, war wohl die nach Monterrey/Mexiko. Ich war 20 und bin allein gereist, ein paar Monate lang. Viele neue, fremde, interessante, spannende, verstörende Eindrücke sind da auf mich niedergeprasselt.

    Ich habe während meines Aufenthaltes dort fast zehn Kilo abgenommen, weil ich mich weigerte, weiterhin „in Saus und Braus“ zu essen, während auf den mexikanischen Straßen hungernde Kinder mit traurigen Augen unterwegs waren und ihre Spielsachen am Straßenrand verkauften. Das hat mich umgehauen und sich in mein Bewusstsein gemeißelt.
    Hast Du auch solche einschneidenden Erlebnisse auf Deinen Reisen gehabt?

    Herzliche Grüße,
    Coralita

  9. Hallo Clara,

    das freut mich aber, dass ich die Erste sein darf! 🙂

    Ich hoffe, Du hattest ein paar schöne Weihnachts- und Feiertage und bist gut erholt und gesund ins neue Jahr gestartet! Danke auch für Deine lieben Wünsche! Ich versuche, das beste aus dem Jahr herauszuholen.

    Ja, das Buch ist wirklich lesenswert. Ich habe es gleich weitergereicht.
    Was war denn das letzte Buch, das Du gelesen hast?

    Liebe Grüße,
    Coralita

  10. Hallo Coralita,

    die letzten Jahre haben mich an sich sehr geprägt und sicherlich waren auch die vielen Reisen dafür verantwortlich. Viele Dinge, die man nur aus den Nachrichten kannte oder aus Magazinen und Zeitungen wurden plötzlich wirklich real und greifbar. Ich war schon immer ein Mensch mit einer ausgeprägten Fantasie, konnte mir gute als auch schlechte Ereignisse immer sehr gut bildlich vorstellen. Ich muss aber zugeben, dass die Realität meistens viel schlimmer ist als die Illustrationen, die man sich selber ausmalen kann. So war es jedenfalls bei mir. Deswegen verstehe ich Deinen damaligen „Hungerstreik“ auch sehr gut.

    Etwas Gutes hat diese Reiserei allerdings, ich konnte viel mitnehmen für meine persönliche Entwicklung und letztendlich hat es mich zu Entscheidungen geführt, die mich heute sehr glücklich machen.

    Du scheinst aber auch wirklich viel rumgekommen zu sein…

  11. Ich kenne das Buch nicht, hätte es auch nie gekauft, wenn ich diesen Blogbeitrag nicht gelesen hätte. Denn mein Hinterkopf hätte es in eine Schublade mit „Feuchtgebiete“ und Ähnlichem gesteckt. Gut zu wissen, dass es sich lohnt, mal reinzuschauen. Ängste und Panik – kenn ich nur zu gut. Ich hatte das mit Mitte 20. Inklusive Hyperventilieren und Schwindel. Richtig beschissen ist das. Zum Glück ist es Vergangenheit.

  12. Liebe Coralita,
    ich habe das Buch im letzten – nein, ich ja jetzt im vorletzten sagen – Jahr gelesen. Zuerst dachte, ohje, wieder so ein Feuchtgebiete-Verschnitt. Aber dann ging es mir wie dir. Ich habe es in einem Rutsch ausgelesen und es hat mir sehr viel über mich selbst gezeigt. Also, ich finde Mängelexemplar ebenfalls sehr empfehlenswert.
    Lieben Gruß zu dir
    Iris

  13. Hola! (Quasi Offtopic 🙂

    Ich frag mich manchmal, warum denn besonders von Frauen
    „Feuchtgebiete“ so verrissen wird. Liegt es daran, dass Charlotte
    so schonungslos offenlegt, was Frauen gern verschweigen?
    (Zumindest öffentlich 😉 Ich als Männchen fand das Buch klasse!
    Endlich mal ein Weibchen, das Tacheles textet. Ungeschmückt! 😉

  14. Gelesen habe ich „Feuchtgebiete“ nicht, aber ich hab die Autorin in einer Talkshow drüber plappern gehört. Tja. Es gibt Themen, über die muss man weder viel reden noch Bücher schreiben. Finde ich. Aber wenn schon Bäume sterben mussten für ihr Buch, dann freut es mich, wenn es auch gelesen wird 😉

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