"Wir suchen niemals die Dinge,
sondern das Suchen nach ihnen."
[Blaise Pascal]


"Berlin: Begegnungen und Begebenheiten"
(Autorin: Coralita)

Auf der Suche nach Ursprünglichkeit

Getippt am 18. Aug. 2012 von | Schublade: Begegnungen, Kultur, Neu hinzugefügt, Reise

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen – das wusste bereits der deutsche Dichter Matthias Claudius. Auch Peter-Jörg Kießling aus Quakenbrück hat etwas zu berichten, denn er ist viel herumgekommen in der Welt. Im Mai und Juni dieses Jahres reiste der 52-Jährige zusammen mit seinem Badberger Freund Krzysztof Radtke (46) um das Schwarze Meer. Drei Wochen lang waren sie mit ihren Motorrädern, beide Typ BMW R 100 GS, unterwegs – wenig Zeit eigentlich für so eine Route oder? „Das stimmt“, bestätigt Peter-Jörg Kießling. „Aber wir haben diese drei Wochen intensiv genutzt und fast alles gesehen, was wir uns vorgenommen hatten.“

Es ist später Vormittag an diesem Donnerstag im Juli, die beiden Männer empfangen die Reporterin in der Küche der Kießlings. Es gibt Kaffee, draußen riecht es nach frisch gemähtem Rasen. Ist es denn schön, wieder zu Hause zu sein? „Wir müssen erst mal wieder im Alltagsleben ankommen“, sagt der dreifache Familienvater. „Das dauert natürlich seine Zeit. Aber mal ehrlich: Wenn ich Ruhe und Zeit habe, reise ich schon wieder in Gedanken.“ Peter-Jörg Kießling schmunzelt.

Wie kamen die beiden eigentlich auf die Idee, um das Binnenmeer zwischen Osteuropa, Südosteuropa und Vorderasien zu reisen? „Das war seine Idee“, lacht Krzysztof Radtke und deutet mit dem Kopf auf seinen Freund. Der nickt: „Wir waren schon öfter zusammen unterwegs. Im vergangenen Jahr sind wir durch Polen gefahren, wollten uns den ländlichen Osten anschauen. Am Ende waren wir allerdings enttäuscht, weil auch Ostpolen inzwischen touristisch gut erschlossen ist und dort viel gebaut wird. Wir wollten aber noch das Ursprüngliche kennenlernen.“

Der Hausmann macht eine kurze Erzählpause. „Aber zurück zur Frage: In diesem Frühling drehte sich ja alles um den Eurovision Song Contest in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Und da dachten wir uns spontan: Wir fahren einfach hin.“ Der gelernte Zahntechniker, der einige Jahre im Außendienst tätig war, schlägt spontan vor, in den Keller zu gehen. Hier hängt eine große Karte, in die er die knapp 10.000 Kilometer umfassende Reiseroute akribisch eingezeichnet hat – auch die Touren der vergangenen Jahre kann man darauf nachvollziehen.

Los ging es also in diesem Frühling in Quakenbrück, weiter fuhren die beiden reiselustigen Männer über Polen, die Ukraine, Russland und Tschetschenien bis nach Georgien – ein Land, an das beide sich gern zurückerinnern. „Hier hat es uns am besten gefallen“, sagt Krzysztof Radtke. „Die Natur ist überwältigend schön, die Leute sind gastfreundlich und hilfsbereit. Das ist hier in Deutschland gar nicht vorstellbar.“ Und Peter-Jörg Kießling ergänzt: „Auch in Russland waren die Menschen sehr freundlich und gaben uns Essen und Unterkunft. Sie halfen uns sogar bei der Grenzüberquerung nach Georgien. Wir haben vor allem in diesen beiden Ländern diese Ursprünglichkeit gefunden, nach der wir suchten. Dort zählen noch ganz andere Dinge im Leben als bei uns – die einfachen nämlich. Ich denke manchmal, dass wir Deutschen ganz schön verwöhnt sind.“ In Teschetschenien im Nordkaukasus wurden die beiden Weltenbummler sogar Ehrenmitglieder im Motorradclub Wild Division. Einen großen Aufnäher haben sie zur Erinnerung geschenkt bekommen. „Darüber freuen wir uns ganz besonders“, sagt Peter-Jörg Kießling.

Über die Nordtürkei und Bulgarien, Serbien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien ging es dann wieder zurück in Richtung Norddeutschland. „Aufgrund der fehlenden Zeit haben wir uns in diesen Ländern nicht so lange aufhalten können, das war ein ganz schöner Ritt nach Hause“, seufzt Krzysztof Radtke und fährt sich mit einer Hand durch den blonden Schopf. „Abends sind wir erschöpft in unsere Zelte gefallen.“

Gab es eigentlich auch Probleme oder Hindernisse, die sich den beiden Männern während der Reise in den Weg stellten? „Nein, zum Glück keine größeren, und auch die Maschinen bereiteten uns keine Sorgen. Sie sind jetzt beide über zwanzig Jahre alt, haben aber gut durchgehalten“, sagt Peter-Jörg Kießling stolz. An der Tür zur Terrasse hängt ein Windspiel, das leise vor sich hin klingelt. Es ist windig draußen und auch nicht sonderlich warm. „Tja, hier ist das Wetter nicht so toll. Aber das macht nichts, wir hatten unseren Sommer ja schon.“

Was sagt die Familie dazu, wenn die beiden Männer des öfteren für längere Zeit verreisen? „Unsere Kinder sind jetzt größer, da kann man wieder mehr reisen, weil man nicht mehr so gebraucht wird wir früher. Und die Frauen lassen uns auch ziehen“, lacht Peter-Jörg Kießling. Und weiter: „Früher habe ich meine Motorradreisen allein gemacht – bis Krzysztof meine Rumänienfotos sah. Ab diesem Zeitpunkt wollte er mit.“ Der Betriebsleiter einer Biogasanlage in Badbergen nickt bestätigend. „Peter ist eigentlich Einzelgänger. Aber es ist alles gut gegangen. Wir haben unsere separaten Zelte und sogar jeder seinen eigenen Kocher.“ Krzysztof Radtke grinst, dann fügt er hinzu: „Bewährt hat sich auf unseren Reisen wohl auch, dass ich gut schrauben kann, wenn es darauf ankommt. Auch in Sachen Sprachen ergänzen wir uns super: Peter spricht gut Englisch und Französisch, ich Polnisch und Russisch. Vor allem Russisch hat uns die Türen geöffnet.“

Braucht man das Reisen eigentlich zum Glücklichsein? „Es ist auf jeden Fall ein weiterer Baustein für ein zufriedenes Leben.“ Peter Kießling schaut nachdenklich. „Ich liebe das Reisen, war schon während der Schulzeit für ein Jahr in den USA. Doch zum Glücklichsein gehört mehr als das: eine Familie zum Beispiel.“ Und wie war das bei Krzysztof Radtke? „Ich bin in Nordwestpolen geboren und habe dort noch bis Anfang der 1990er-Jahre gelebt. Reisen war für mich also nie das Thema. Motorradfahren hingegen war schon immer meine große Leidenschaft. Als ich fünfzehn Jahre alt war, habe ich mit einem Freund eine alte BMW gekauft, und zusammen sind wir über die Felder gedüst. Erst in Deutschland konnte ich mir ein richtiges Motorrad leisten.“

Und der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan? „Da sind wir nie angekommen“, lacht der zweifache Vater, um völlig überzeugt hinzuzufügen: „Der Weg ist doch das Ziel!“

Peter Kießling und Krzysztof Radtke schwelgen gemeinsam in Erinnerungen.

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