Abenteuerreisen

Aus einem Leben vor den Jungs

 

Vor meinem Leben mit den Jungs bin ich viel gereist. Wir als Familie machen immer noch Ausflüge und längere Trips, jedoch nicht mehr ganz so weit weg wie früher. Richtig „weit weg“, das ist für mich zum Beispiel Thailand. Vor einigen Jahren war ich dort. Eine Rucksackreise über mehrere Wochen und durch verschiedene Wunderwelten. Jeden Tag notierte ich Erlebnisse, Gedanken und Gefühle, die ich hier – zusammengefasst in einer Reportage für ein tolles Reisemagazin – gerne mit euch teilen möchte. Eines Tages möchte ich dorthin zurückkehren – mit meinen drei Jungs.

Wie ist das bei euch? Welche Reisen haben euch besonders gefallen/geprägt?

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„We don’t like many tourists“, sagt der alte Mann kopfschüttelnd in gebrochenem Englisch. Er sitzt an meinem Nachbartisch, nippt langsam an seinem Tee, während er mich betrachtet. Ich kann nur schwer einschätzen, wie alt der Thailänder ist. Vielleicht zählt er so um die achtzig Jahre, womöglich weniger. Auf jeden Fall ist er sehr klein, sein Gesicht wettergegerbt und von Falten durchzogen. Irgendwie erinnert es mich an eine Landkarte. Wir sind die einzigen Gäste in dem kleinen Hafencafé an der Ostküste der Insel.
Es ist mein erster Tag auf Koh Yao Noi, ich bin seit knapp einer halben Stunde mit einem gemieteten Moped unterwegs – und schon habe ich eine Bekanntschaft gemacht.
Der Mann berichtet von seinem Leben auf der Insel. Hier ist er geboren, hier lebt seine Familie. Fast alle sind oder waren Fischer wie er selbst. Bei ihm sei das aber schon eine ganze Weile her. Da sei er noch jünger gewesen. Er lacht, einer der unteren Schneidezähne fehlt. Heute kümmern sich seine Kinder und Enkelkinder um das Einkommen der gesamten Familie. Er komme fast jeden Tag hierher in das kleine Café, um einen Tee zu trinken und ab und zu die Zeitung zu lesen.

Es ist kurz nach neun Uhr am Morgen, die Sonne scheint. Und doch ist es noch recht frisch am Pier von Tha Khao Village. Mich fröstelt, ich ziehe meine dünne Windjacke etwas enger um mich. Am Abend zuvor bin ich mit dem Speedboat von Krabi hergekommen – auf die Insel, der man nachsagt, sie sei eines der letzten noch unberührten Paradiese dieser Erde und ein absoluter Geheimtipp für Backpacker und Abenteuerreisende.

Die vergangene Nacht habe ich in einem hübschen Bungalow mit Strohdach, Holzdielen und Hängematte verbracht. Gut geschlafen habe ich allerdings nicht: Zu sehr habe ich dem exotischen Fiepen, Zirpen und Schnarren mir unbekannter Insekten gelauscht.

„Koh Yao Noi“ – das bedeutet: kleine, lange Insel. Zusammen mit ihrer größeren Schwester Koh Yao Yai („große, lange Insel“) bildet sie die Inselgruppe Koh Yao, die zwischen der Touristeninsel Phuket und Krabi auf dem Festland liegt.

Der Alte erklärt mir, dass fast alle auf der Insel Muslime seien und dass es hier kaum Tourismus gebe. Nur etwa 3.500 Menschen leben hier. Ich lausche seinen Worten und schaue ab und zu hinaus aufs türkisfarbene Meer, aus dem unzählige kleine und größere Felsen ragen. Sie alle sind Teil des traumhaft schönen Phang Nga Marine National Parks. Ein Park mitten im Meer – dieser Gedanke gefällt mir.

Ich lächele vor mich hin – und ernte einen eindringlichen Blick von meinem neuen Freund. „You friendly, but not all guests are.“ Ich setze mich aufrecht hin und bemühe mich um eine ernstere Miene. Der alte Mann klärt mich auf: Oft seien Touristen respektlos und laut, und schon allein deshalb lehne man den Massentourismus auf Koh Yao Noi ab. „Auf den anderen thailändischen Inseln gibt es kaum noch ungestörte Plätze, alles ist voller Menschen, und das versuchen wir wenigstens hier zu verhindern“, erklärt er auf Englisch. Ein wenig besorgt vermute ich, dass sich das in den kommenden Jahren sicher ändern wird. Aber diesen Gedanken behalte ich lieber für mich.

Ich erfahre, dass bereits ein einziger Tag ausreicht, um die zwölf Kilometer lange und acht Kilometer breite Insel zu erkunden. Ich habe eine Karte dabei und lasse mir zeigen, was sehenswert ist.

Dann wird es Zeit für mich, aufzubrechen. Ich winke zum Abschied und werfe mein Moped an – eine kleine, rote Honda, die mich 200 Baht am Tag kostet – das sind knapp fünf Euro.

Ich fahre auf die einzige Hauptverkehrsstraße der Insel, die sich am gesamten Küstengebiet entlangschlängelt. Kaum bin ich ein paar Meter gefahren, sehe ich im Meer ein paar asiatische Kinder baden – vollständig bekleidet. Niemand sonst befindet sich an dem wunderschönen, gelben Sandstrand, über den ich später lese, dass er Hat Pa Sai heißt.

Ich fühle mich frei und lasse mir den Fahrtwind ins Gesicht blasen. An den Linksverkehr muss ich mich noch gewöhnen. Auf gerader Strecke ist das Fahren kein Problem, doch beim Abbiegen muss ich mich noch stark konzentrieren, dass ich nicht aus Versehen die Seiten vertausche.

Ich erreiche die Westküste und fahre vorbei an mystisch wirkenden Mangrovensümpfen. Eine ziemlich verlassene Gegend ist das hier – zumindest auf den ersten Blick. Doch nur wenig später kommt mir ein etwa zehnjähriger Junge auf einem Motorrad entgegen. Sein Gefährt ist wesentlich größer als meins, ich bin fast schon ein bisschen neidisch. Der Junge trägt ein schmuddelgelbes T-Shirt, das in starkem Kontrast zu seinem leuchtend-schwarzen Haar steht. Hinter ihm sitzt ein kleines Mädchen mit Strohhut – vermutlich ist sie seine Schwester. Die Kinder winken mir ausgelassen zu, ich lächele zurück.

Als ich an ein paar Reisfeldern vorbeifahre, falle ich fast vom Moped, so romantisch-beeindruckend ist der Anblick, der sich mir da bietet: Ein Wassbüffel steckt tief im Gras verborgen und frisst. Man sieht auf den ersten Blick nur seine Hörner. Ich halte an und fotografiere ein paar Vögel, die sich auf dem Schädel des imposanten Tieres niedergelassen haben.

Ich erreiche den einzigen Ort der Insel, in der es ein paar Geschäfte gibt: Ban Yai. Hier findet man auch ein Café, das sich „Je t’aime“ („Ich liebe Dich“). Ich trinke einen Kaffee und erfahre, dass das Lokal in der Hand eines Franzosen und einer Dänin ist. Ihre Lebensphilosophie: für den Moment leben und nur das machen, was Freude bringt. „Wenn wir keine Lust mehr auf den Laden hier haben, ziehen wir weiter und machen was anderes“, sagt mir die dänische Blondine in ziemlich gutem Deutsch. Sie sei vor sieben Jahren als Backpackerin hergekommen und einfach hiergeblieben.

Als ich den Süden der geheimnisvollen Insel erreiche, staune ich, dass es landschaftlich noch vielfältiger geht: Hier gibt es weite Weideflächen, soweit das Auge reicht.

Bevor es dunkel wird, möchte ich noch eine Runde joggen gehen, um das Erlebte und Gesehene mental zu verdauen. Zurück in meinem Bungalow schlüpfe ich in meine Sportschuhe und lauf auf die Hauptstraße. Das Meer ist jetzt verschwunden: Es ist Ebbe. Eine Frau mit Kopftuch sammelt ein paar Muscheln. Irgendwann biege ich links in den Urwald ab. Ich laufe auf teilweise schlammigen, rotsandigen Wegen, vorbei an Ananas- und Kautschuk-Plantagen. Ich beobachte, wie sich die milchige Flüssigkeit ihren Weg aus den Bäumen in kleine schwarze Behälter macht. Hier und da begegnet mir ein einsamer Arbeiter und hebt grüßend sein verstaubtes Basecap.

Als ich zurück in meiner Bungalowanlage bin, habe ich Hunger. Ich bestelle mir ein grünes Curry und gebratenen Reis. Gegen Mitternacht liege ich in meinem mit Moskitonetz umspannten Holzbett und versuche, mich auf meinen Thailandführer zu konzentrieren. Ich lausche nach draußen – und höre nichts, absolut gar nichts: kein Basswummern aus Hotelanlagen wie auf Phuket, keine grölenden Touristen, es ist alles unglaublich still. Ich denke an den Fischer von heute morgen und an das, was er gesagt hat. Lächelnd schlage ich eine weitere Seite in meinem Buch um.

 

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