Yogitee hat immer recht

Lange habe ich überlegt, ob ich das Folgende hier und jetzt veröffentlichen soll – so ganz echt und richtig konsequent ohne Passwortschutz. Und ich weiß eigentlich auch gar nicht so recht, wie ich etwas derart Komplexes überhaupt beschreiben soll …
Eine kürzlich von mir auf Facebook gestartete Umfrage zum Thema „Spricht man in der Öffentlichkeit über psychische Leiden?“ hat mich zum Ja bewegt. Genau wie die Aussage einer lieben Berliner Freundin: „Ja, es gehört doch zu uns.“ Zu uns? Ja, denn sie ist auch betroffen.
Einfacher macht mir den Einstieg auch der Yogitee, den ich gerade trinke, der mir die kalten Finger wärmt und das brennende Herz beruhigt: „Ein entspannter Geist ist kreativ“ lautet der tiefgründige Spruch auf dem Teebeutelanhänger. Beige Schrift auf braunem Untergrund. Sieht schön aus. Gestaltung und Geschmack schmeicheln meiner Seele. Im Hintergrund läuft ein entspannendes Café-Del-Mar-Album. Ein etwas älteres. Eines von denen, die noch so richtig gut waren.

Yogitee hat immer recht
Ja, stimmt das? Ist ein entspannter Geist kreativer als ein unentspannter? Ich frage auch danach auf Facebook. Jemand antwortet mir dazu: „Der Yogitee hat immer recht“. Dieses Zitat eignet sich doch wunderbar für einen Buchtitel. (Danke für die heutige Inspiration, lieber Michael.)
Ich überlege. Ja, stimmt sicher. Irgendwie jedenfalls. Aber kann jemand nicht auch kreativ sein, der gerade nicht entspannt ist? Der vielleicht nie richtig „ent-spannt“ ist. Der vielleicht sogar dauerangespannt – ja sogar … bedrückt ist?
Da ist er auch schon.  Mein Anfang.
Ich bin depressiv. Mit fiesen Panikattacken dann und wann. Jemand, der beim Anblick eines überfahrenen Vogels oder Igels schon weinen möchte (und es oft auch tut, meist aber heimlich, denn meine kleinen Kids sollen es nicht sehen).
Melancholisch und nachdenklich beobachtend war ich schon als kleines Mädchen, sagen meine Eltern. Ich weiß gar so nicht recht, wann das angefangen hat mit der Depression. Wahrscheinlich im Mutterleib, meine Mama und ihr Vater – ein Maler und Wortkünstler – neigen auch zu diesem Leiden. Ererbt also. Zu einem sehr großen Teil tragen allerdings auch diverse sehr unschöne Erfahrungen bei.
Ich kenne diese Gefühle also eigentlich schon mein Leben lang – mal mehr und mal wenig(er) heftig. Und beschreiben kann ich sie schon gar nicht. Nur darum bitten, sie anzunehmen, sie zu akzeptieren, sie bitte noch gesellschaftsfähiger werden zu lassen („salonfähig“, sagt meine Berliner Freundin). Denn eine Depression ist eine Krankheit wie jede andere auch. Nur, dass man sie eben nicht (sofort) sieht.

Heilung durch „Zusammenreißen“, Sport und Medikamente?
Die Krankheit, so heißt es, ist ein „Arschloch“. Stimmt, sie stinkt zum Himmel und haut sogar den stärksten Kerl um – oder eben die stärkste Frau. Wer noch nie wenigstens eine „depressive Episode“ im Leben durchgemacht hat, kann auch nicht nachvollziehen, was „Depression“ eigentlich bedeutet. Dabei bezeichnet der Begriff eigentlich schon ganz gut, was sie birgt: absolute Niedergeschlagenheit, gnadenlose Hoffnungslosigkeit, tiefschürfende Traurigkeit. Das Gefühl, nichts wird wieder gut … unbeschwert, beschwingt, heiter, lustig.
Bei mir dauert die aktuelle akute „Episode“ jetzt seit vergangenen Januar an. Es ist mal mehr und mal weniger schlimm. Ja, es gibt Mittel und Wege. Sport, Selbsthilfe, Medikamente … Aber ganz verschwindet diese Krankheit wohl nie. Sie ist ein Teil von mir. Ich lebe mit ihr.
Und ich wage jetzt den Schritt, darüber zu berichten. Warum mache ich das? Warum kehre ich mein Innerstes auf diese Weise nach außen? Bin ich denn bescheuert? Warum muss es im Internet sein? Was ist, wenn ich deshalb meinen Traumjob nicht bekomme … ? Und so weiter. Fragt mich ein Freund. Ich sei doch dermaßen angreifbar.
Na und? Eben weil: Es gehört zu mir!
Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen.
Aber vielleicht zeigt es anderen Betroffenen ja, dass sie nicht allein damit sind. Vielleicht trauen sie sich ja auch, darüber zu reden/schreiben.
Vielleicht bringt es uns ja alle näher zusammen …
Vielleicht finden wir Akzeptanz.

Leben, lachen, fröhlich sein – mit der Depression
Dieser Blogeintrag hier wird ganz sicher keine Abhandlung zu einem Thema, dass man im Internet oder in Fachbüchern sehr gut recherchieren kann. Er ist eigentlich mein persönlicher „Befreiungsschlag“. Seht alle her, ich bin depressiv. Ich bin jetzt keine „anonyme Depressive“ mehr. Und dabei habe ich mein Leben fest im Griff, stehe mit beiden Beinen (außer, wenn ich zuviel tagträume ;-)) fest im Leben, habe Familie, trage Verantwortung, kann fröhlich sein.
Mein kleines K. schläft gerade, mein großes P. ist im Kindergarten, ein waschechtes Vorschulkind – und plappert und plappert, wenn er wieder da ist. Ich habe jetzt also etwa anderthalb Stunden Zeit zum Schreiben und Arbeiten (was bei mir glücklicherweise das gleiche bedeutet). Zeit, um einen Artikel für ein Magazin zu beenden und hoffentlich diesen Blogeintrag. Danach muss Mutti an den Herd. Der Nachmittag gehört vollständig den Kindern. Wir wollen Herbstdekoration basteln. Also erst mal raus, Eicheln sammeln, Zierkürbisse besorgen, Laub bestaunen und so.
Ich habe einen wunderbaren „Job“ und viel Freude daran (ich meine jetzt nicht den als freie Journalistin, aber den liebe ich auch). Dennoch bin ich erschöpft. Sehne mich nach einer Auszeit. Natürlich gibt es nichts Schöneres als Kinder zu haben. Ohne Frage, was wäre ich unglücklich ohne meine Jungs! Das Leben wäre längst nicht mehr so bunt. Aber da ist eben auch diese ganz unglaubliche Fremdbestimmung … Jede Mama weiß, wovon ich spreche. Mütter, die das nicht kennen, sind entweder tiefenentspannt, auf Droge (an dieser Stelle bitte einen passenden Smiley einfügen) oder lügen. Das tun sie dann aber auch in anderen Lebenslagen.
Mein Mann  sagt, die Kinder würden nichts – oder zumindest nicht viel – von der Depression mitbekommen. Ich würde das alles prima hinbekommen. Was eigentlich? Mich zusammennehmen? Die Tage durchstehen? Mich darauf freuen, abends ins Bett gehen zu können, um allenfalls noch ein bisschen zu netflixen oder zu lesen?

Ich will, dass es aufhört.
Ich bin Ende Dreißig, fühle mich welkig und allein mit diesem Mist – obwohl ich es natürlich nicht bin. Und fertig geworden mit diesem Post bin ich auch nicht …
Vielleicht gesellt sich ja zur Depression auch die Midlifecrisis. Die ist ja aber auch nichts anderes als eine Form der blöden Krankheit.
Nachher im Gewusel mit den Kids und draußen in der Herbstsonne wird das bestimmt schon wieder anders sein. Ich werde mich besser fühlen. Dann wird wieder alles ziemlich gut sein. Die Luft, das Kinderlachen, die Farben …
Morgens und jetzt, vormittags, ist es am schlimmsten.
Ich will, dass es aufhört. Am besten jetzt sofort …

Heute habe ich leider kein lustiges  und positives Ende für euch. Leider. Aber vielleicht ja morgen wieder.
Ich mache mir jetzt aber noch einen Yogitee und hoffe, dass die auf dem Anhängerchen zu lesende Weisheit mir dieses Mal etwas mehr Mut beschert. Sowas wie „Alles wird eben doch so richtig gut“.

Wie ist das bei euch? Kennt ihr Depressionen? Ängste? Panik?
Erzählt mir ein bisschen davon. Teil euch mit. Ihr seid nicht allein.

 

 

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3 Antworten auf „Yogitee hat immer recht“

  1. Ja. Das kenne ich sehr gut.
    Um darueber zu schreiben oder sprechen braeuchte ich allerdings mehr Zeit. Was ich zum Thema Depression gehoert habe dass es oft unterdrueckte Wut und Trauer ist aber auch ein Schutz fuer die Seele die traurig ist weil sie ihr wahres Zuhause sucht und nicht finden kann. Zu viel mentalle Abstrengung kann auch das Fuehlen verhindern. Weinen hilft oft. Wenn man es dann irgendwann mal kann. Die richtige Musik die die richtigen Knoepfe drueckt kann dabei auch foerderlich sein.

    1. Liebe Magdalena,

      tut mir leid, dass Du auch betroffen bist. Ich freue mich sehr über Deine Rückmeldung hier im Blog. Das ist sehr mutig. Ja, Du hast recht; ich bin auch nicht „fertig“ geworden. Ich habe dann aber für mich beschlossen, dass es in Bezug auf dieses Thema gar kein Fertig gibt.
      Ich wünsche Dir ganz viel Kraft auf Deinem weiteren Weg. 🙂

      Herzlich,
      Coralita

  2. Hallo Coralita, offenbar habe ich doch so einiges von dir nicht gelesen oder vergesse ich es einfach nur. Ich habe schon seit längerem enorme Gedächtnisprobleme, die aber absolut nichts mit Alzheimer zu tun haben.
    Ich bin ja seit -zig Jahren bipolar, aber mehr mit der Tendenz zur manischen Seite. Als ich noch keine Medikamente (Quillonum retard) nahm, waren die Depressionen so schlimm, dass mich kaum einer noch „erkannte“ und ich wirklich kaum noch etwas konnte, auch im Beruf nicht. – War ich aber manisch hoch zwei, habe ich alle anderen abgebügelt, weil ich ja die Größte war. – Seit 1999 nehme ich Lithium und seit dem ist es erträglich.
    Ich würde dir gern auf fb folgen, finde dich aber nicht. Schickst du der Clara Himmelhoch bitte eine Freundschaftsanfrage?
    Mich hat meine Krankheit, weil man sie eben NICHT sieht, sehr viele Bekanntschaften oder lockere Beziehungen gekostet.
    Liebe Grüße zu dir von Clara

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