Mamagarten?

Tag 1: Es lebe die Murmelbahn!

Es ist soweit: Mein kürzlich drei Jahre alt gewordenes „Baby“ hat heute seinen ersten Kindergartentag. Ich bleibe mit dem Kleinen, in einigen Tagen wird er dann – hoffentlich – allein hier verweilen. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich aufgeregt, ein wenig traurig, aber auch erfreut: Denn ab heute werde ich nach einigen Jahren Kinder-Vollzeit-Betreuung die Vormittage nur für mich haben – na, und fürs Schreiben, den ganzen Haushalts-, Hof- und Gartenkram. Als K. noch ausschließlich zu Hause war, schaufelte ich mir während seines Mittagsschlafs oder eben abends ein paar Stunden frei, um zu schreiben. Als Freischaffende hatte und habe ich noch immer das Privileg, mir die Zeit fürs Arbeiten selbst einzuteilen und sehr viel für die Kinder da zu sein.

Glück hat auch mein Kleiner: Er kennt den Kindergarten bereits von seinem sechsjährigen Bruder (der seit ein paar Tagen ein waschechtes Schulkind ist): Es ist dieselbe Einrichtung, die gleiche Gruppe, in die K. ab heute gehen wird. Sein großer Bruder überließ ihm beim Kindergartenabschied sogar sein Gruppenzeichen: die schüchtern dreinblickende Robbe: „Möchtest Du mein Zeichen?“ – „Jaaa!“ Und mein Herz schmolz dahin.

Wir kommen an und wissen sofort, wo wir alles ablegen oder hinstellen, an welchen Haken wir die Jacke und den Rucksack hängen müssen. K. zieht sich ganz stolz allein die Hausschuhe an und bringt seine Straßenschuhe zum Regal. Es läuft gut mit mir an seiner Seite. Er baut mit den Erzieherinnen und anderen Kindern eine Murmelbahn. Um elf gehen wir nach Hause – es ist ein guter Vormittag.

Tag 2: ein erster kurzer Abschied

Heute darf ich kurz allein nach Hause gehen und eben die Regenklamotten holen. Einige Kinder wollen draußen auf dem Spielplatz mit der Wasserbahn und Booten spielen. Es ist kein Problem für K., ich komme direkt wieder und halte mich im Hintergrund zur Verfügung. Wie schön er mit der Erzieherin interagiert. Ein wenig wehmütig sehe ich den beiden beim Buddeln, Bauen und Spielen zu. Mein Kleiner ist „groß“ geworden.

Tag 4: Mamagarten?

Ich bereite K. frühmorgens darauf vor, dass ich heute nach der Verabschiedung wieder nach Hause gehen und arbeiten muss. Er will nicht in den Kindergarten, sagt er. Doch, revidiert er, er möchte schon. Aber nur, wenn ich immer mit dortbleibe. „Das geht leider nicht, Schatz. Der Kindergarten ist doch nur für Kinder“, erwidere ich. Mein kleiner Sohn beginnt zu weinen. „Mama, dann soll das ein Mamagarten werden; dann kannst du bleiben.“ Es bricht mir fast das Herz, aber schmunzeln muss ich auch, denn es klingt so süß, was er da sagt. Als wir ankommen, übergebe ich ihn der Erzieherin. Etwas zu schnell, denn K. weint. Ich gehe trotzdem um die Ecke und höre, wie er sich in Windeseile wieder beruhigt. Das fühlt sich doch schon etwas mies an. Morgen bleibe ich noch ein paar Minuten länger – bis er so weit ist.

Tag 7: zwischen den Schleich-Tieren

K. hat inzwischen eine eigene – cool, es ist auch meine! – Strategie entwickelt: Ich soll noch etwas mit in den Gruppenraum kommen, mich dann auf einen Hocker bei der Kiste mit den Schleich-Tieren setzen und dann noch etwas warten. Ein paar Minuten reichen aus, dann lässt er sich von den Erzieherinnen in ein Spiel verwickeln.

Tag 9: kurz und knapp, Mama weg

Jeden Morgen fragt mich K. viele Male, ob ich noch mit ihm im Kindergarten bleibe. Geht klar. Heute geht es aber schnell: K. geht mit seiner Erzieherin. Sie setzen sich auf einen Spielteppich und bauen prompt eine Murmelbahn, ich gehe. Und es kullern keine Tränen. Ich hingegen werde schon wieder etwas sentimental.

Tag 14: Mama, das ist doch ein Kindergarten!

Als ich heute Morgen auf dem Hocker bei den Schleich-Tieren sitze und damit herumhantiere, passiert es. K. nimmt meinen Kopf in seine Hände, schmatzt mir ein feuchtes Küsschen auf den Mund und sagt das, was ja eines Tages kommen musste. „Mama, das ist doch ein Kindergarten. Kein Mamagarten!“

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