Mut ist ansteckend

Als mein inzwischen fast siebenjähriger Sohn damals mit fünfeinhalb sein Seepferdchen-Abzeichen im Schwimmen machte, war das „ein Abenteuer“ für alle Beteiligten … Eine kleine Anekdote über das Mutigwerden.

Ein Intensivkurs im Schwimmen – nur wenige Wochen lang, fünfzehn Einheiten und danach der Abschluss: das Seepferdchen-Abzeichen. „Na, ich weiß ja nicht, ob das so gut ist.“, sage ich, als mein Mann mit diesem Vorschlag für unseren Sohn kommt. Ich bin ehrlich gesagt wenig angetan. Unser Fünfeinhalbjähriger ist ein eher zurückhaltender Junge, der sich in fremden Gruppen zunächst unwohl fühlt. Außerdem hat er noch nie einen Kurs allein besucht. Wir lassen ihn trotzdem auf die entsprechende Warteliste setzen. Es kann ja noch dauern, bis P. an der Reihe ist …

Als dann spontan ein Platz frei wird, fragen wir unseren Jungen erst einmal und sind etwas überrascht, als er sagt: „Jaaa, das will ich versuchen!“ Hm. Die lieben Kleinen, immer wieder für eine Überraschung gut. Eigentlich hätten wir es uns aber denken müssen: Das Wasser ist einfach sein Element, das war es schon immer, bereits beim Babyschwimmen …

Eins, zwei, drei … geschafft!

Woche eins, erster Tag: Zusammen mit einigen anderen Eltern schaue ich mit P.s kleinem Bruder K. den Wasserratten durch die Glasscheibe im Wartebereich beim Training zu: Süß sehen die Kinder aus, wie sie da am Beckenrand einige Trockenübungen zusammen durchführen und im kühlen Nass plantschen. P. springt vom Beckenrand! Juhuuu, damit ist doch die erste der insgesamt drei Forderungen zum Bestehen der Prüfung bereits erfüllt. Ich brüste mich unmerklich.

Woche zwei, dritter Tag: Wir können leider von hier aus nicht so viel erkennen, aber es sieht am Ende der Stunde schon recht gut aus, was die Kids da machen. Sogar diejenigen, die anfangs noch Schwimmflügel tragen wollten oder vielleicht sollten, nutzen jetzt schon keine mehr. Wie die jungen Hunde sehen sie aus mit ihren nur knapp aus dem Wasser herausragenden Köpfchen …

Da! P. taucht und holt den Ring heraus! Teil zwei der Prüfung ist geschafft.

Woche drei: Der Kurs neigt sich langsam dem Ende zu: P. ist die geforderten fünfundzwanzig Meter bisher noch nicht geschwommen, das erwarte ich auch gar nicht. Er soll ja auch erst mal rein finden.

Vorletzter Tag: „Mama, weißt Du was?“, fragt mich P. vor dem Kurs. Mhmhm? „Ich möchte so gerne mal vom Dreier springen.“ Was? Meint er damit den Drei-Meter-Turm? Ja, meint er. Ich erkläre ihm, dass er das eigentlich erst darf, wenn er Schwimmer ist, also sein Abzeichen hat. Aber wenn er möchte, kann er ja mal seinen Lehrer fragen …

Stattdessen schwimmt er heute zum ersten Mal lässig seine fünfundzwanzig Meter. Wahnsinn. Wie cool ist der denn, so kurz vor dem Kursende! Ich lache laut (und die anderen Eltern gucken mich verwundert an.) Damit hat er doch sein Abzeichen schon heute so gut wie in der Tasche! Yeah, ich freue mich so für ihn und lasse K. Auf meinem Schoß herumhopsen.

Hüpf, hüpf, hüpf … Sprung!

Nach der letzten Einheit bereite ich mich entspannt darauf vor, dass P. gleich duschen und dann aus der Umkleide kommen wird …

Doch halt, was ist das? Der Schwimmlehrer entfernt das Absperrgitter an der Leiter zum Drei-Meter-Turm. Was … Er winkt P. zu sich heran. Ich sehe, wie der Erwachsene das Kind etwas fragt und wie das Kind heftig nickt. Ich stehe auf und gehe dicht an die Scheibe heran …

P. steigt die Leiter hinauf. Ich kann es nicht fassen. Langsam – aber entschlossen – gehen seine Beinchen auf das Ende des Sprungbrettes zu. Er wird doch nicht … P. hüpft gaaanz zaghaft auf und ab, er lächelt und schaut zum Schwimmlehrer. Der nickt ihm ermutigend zu.

Und dann springt mein Sohn. Platsch! Taucht wieder auf, schwimmt gemächlich zum Beckenrand, steigt aus dem Wasser und rennt zu seinem Lehrer, der ihm anerkennend auf die Schulter klopft. Toll gemacht!

So schnell, wie das Ganze passiert ist, ist es jetzt auch schon wieder vorbei.

Was mich aber besonders berührt: Fast alle anderen Kinder aus dem Kurs folgen P.s Tun. Zunächst zögerlich, aber sie wollen es anscheinend ebenfalls wissen … Platsch, platsch, platsch … Es ist ein wunderbares Bild. Alle sind total aufgedreht und hüpfen lachend auf der Stelle.

P. rennt aus der Umkleide auf mich zu – das Abzeichen und die Urkunde in den Händen. „Mama, hast Du das gesehen? Wie ich gesprungen bin?“ Ich nicke, stolz lächelnd. „Ja“, erwidere ich. „Und Dein Mut hat die anderen richtig angesteckt!“ Jetzt lächelt P. Und ist sooo stolz.

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