Schnitzeljagd

Im Café Mirbach in Weißensee kann man zu fairen Preisen brunchen, lunchen oder die Abende bei Bier und leckerem Abendessen ausklingen lassen. Hier wird dem Gast gemütliches Ambiente an einem kleinstädtisch anmutenden Kirchplatz geboten. Die herzlichen Angestellten und das leckere Essen sind weitere Gründe, warum mein Liebster und ich gestern dort einkehrten.

Wir studieren die Wochenkarte, und mir sticht sofort ein Gericht ins Auge, das ich seit Jahren nicht gegessen habe. Doch ich erinnere mich genau daran, wie gern ich es als Kind hatte. Begeisterung macht sich breit. Ich bin mir sicher, dass ich genau dieses Essen auf meinem Teller haben, ansehen, riechen und schmecken will…

Ich bestelle voller Enthusiasmus das heißersehnte „Jägerschnitzel“. Geschafft. Ich lehne mich zurück und schlage die Beine übereinander. Der Liebste wählt “Strammer Max”. Als er bestellt, verkneife ich mir einen Kommentar.

Die Kellnerin notiert sich unsere Wünsche. Sie wendet sich zum Gehen ab, überlegt es sich dann aber noch einmal. “Noch zum Jägerschnitzel… Sind Sie aus Ostberlin?” Uh. Der Liebste und ich schauen uns an. Was kommt denn jetzt? “Ich frage nur, weil: Es gibt ja zwei Arten von Jägerschnitzeln…”. Oh. Jetzt wird es journalistisch anspruchsvoll für mich. Ich richte mich auf: “Echt? Welche denn? Was ist denn da der Unterschied?” Die Kellnerin wuschelt sich durch den frechen Kurzhaarschnitt: “Es gibt Ost- und Westjägerschnitzel…”.

Ich kombiniere: Ich bin Ostdeutsche und befinde mich in Ostdeutschland. Demzufolge kenne ich wohl das Ostjägerschnitzel. Für mich kann es nur das eine geben. Und das sage ich dann auch mit Nachdruck. Die Kellnerin grinst und nickt schweigend. Auf einmal dann geht sie weg, ohne mir zu sagen, was es mit dem anderen Schnitzel auf sich hat.

Mein westdeutscher Liebster schaut wahrscheinlich genauso verdattert wie ich. Auch er lechzt nach Entwirrung: “Ich glaube, ich kenne nur das Westjägerschnitzel.” Schweigend starren wir uns eine Weile an. Doch dann schießt es mir in den Sinn: Grandios. West und Ost – vereint an diesem Tisch. Er und ich, wir beide. Vor meinen Augen läuft pathetisch deutsch-deutsche Wiedervereinigung ab, mit dem Jägerschnitzel als unserem sozialistisch-kapitalistischen Verbindungsglied!

Ich kann den Liebsten aufklären und er mich: Ein Ostjägerschnitzel ist eine panierte Scheibe Jagdwurst, zu der man Nudeln in Tomatensauce oder eine Kartoffelbeilage serviert. Das Westjägerschnitzel hingegen ist ein stinknormales, ebenfalls paniertes Schweineschnitzel, zu dem man Jägersauce reicht – mit Champignons. Bei dem Gedanken, was der Liebste wohl gedacht haben mag, als ich ihm vorlas „Jägerschnitzel mit Spirelli in Tomatensauce“, muss ich lachen.
Die Kellnerin bringt unser Essen. Ich haue kräftig rein und bin froh, Ostdeutsche zu sein.

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5 Antworten auf „Schnitzeljagd“

  1. Sherry: Ganz klar. Hätte ich vermutlich auch nicht, wenn da nicht die nette Kellnerin gewesen wäre, die mich dezent auf den Unterschied der beiden “Schnitzel” hingewiesen hätte. DAS fand ich natürlich interessant! 😉

  2. Tja, und ganz kompliziert ist es mit dem Wiener Schnitzel – das muss nämlich aus Kalbsfleisch sein. Ist es hingegen schweinisch, handelt es sich um ein schnitzel Wiener Art.

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