Ruhe

Nachdem sie dieses Foto betrachtet hatte, schrieb mir eine mexikanische Freundin: „La simple vista inspira calma!“ Der bloße Anblick vermittelt Ruhe. Daher nun auch der Titel dieses Bilds: Ruhe.

Fotografiert auf Mallorca/Monasterio de Sa Nostra Cura (Dezember 2009)

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Auf der Ersatzbank

16.00 Uhr. Anpfiff. Wir verfolgen den Beginn der Volleyball-Partie dort unten auf dem Spielfeld:  Der SCC Charlottenburg tritt gegen den Bundesliga-Aufsteiger RWE-Volleys-Bottrop an. Dass das nicht sehr unbequem für die Berliner werden wird, können wir uns schon jetzt ausmalen – vor allem der Süße, der kennt sich richtig aus. Immerhin war er selbst jahrelang Volleyballspieler in der Mannschaft der Universität Göttingen.

Wir sitzen in der dritten Reihe von oben. Von hier aus hat man die beste Sicht. Der Süße erklärt mir fachmännisch Strategien und nennt mir die Namen der Spieler. Sebastian Fuchs beispielsweise bleibt mir im Gedächtnis hängen: Er legt einen bemerkenswerten Auftritt hin – ganz entscheidend im Hinblick auf die so wichtigen Play-Offs!

Doch irgendwas lenkt meine Aufmerksamkeit immer wieder zu ihnen: den Ersatzspielern der Berliner. Natürlich haben die Bottroper auch welche, aber da ist vor allem er: Aleksander Spirovski. Der große Serbe erinnert mich sofort an meinen Süßen. Die gleiche wilde Lockenmähne, auch die Schulterpartien ähneln einander. Schön schön. Der Süße bemerkts und wirft mir einen grimmigen Blick zu. Ich hätte schwören können, er ist in das Spiel versunken.

Der andere Lockenmähnige trägt eine Bandage um sein rechtes Knie. Ich frage den Liebsten, warum. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: ein Sportunfall vom letzten Jahr ist die Ursache. Er muss sich noch schonen. Der Arme.  Das wird ihm sicher nicht gefallen. Er soll ein Spitzensportler sein. Nun steht er am Spielfeldrand und macht ein paar Lockerungs- und Aufwärmübungen. Er kreist abwechselnd den linken und dann wieder den rechten Arm – erst im und dann entgegen dem Uhrzeigersinn. Sieht schon echt locker aus, da kann man wirklich nichts sagen.

Auf jeden Fall muss man sich beschäftigen auf der Ersatzbank, denke ich mir. Ich würde mich entsetzlich langweilen. Sitzen ist nicht drin, auch wenn es „Bank“ heißt, sonst beginnt man sicher schnell zu frieren hier. Ich ziehe meine Jacke an. Kühl ist wohl auch ihm: Ein Ersatzbanknachbar Spirovskis beginnt, recht unbeteiligt leicht auf und nieder zu hüpfen. Man kann gar nicht anders als hinsehen.

So sehr ich mich bemühe, mein Hauptaugenmerk auf das Spiel zu lenken, meine Blick driften immer wieder ab. Seine dunklen Haare wippen auf und nieder. Mit seinem länglichen Gesicht schaut er abwechselnd zur rechten, dann zur linken Tribühne. Und irgendwann hat er mich entdeckt. Er sieht, dass ich ihn sehe. Schnell schaue ich weg, er soll sich ja nicht beobachtet fühlen. Doch zu spät: Seine Hüpfaktivitäten nehmen zu. Jetzt erst recht, wird er sich wohl denken. Und dann beginnt er auch schon mit dem Dauerlauf an der Seite des Spielfelds. Spirovski macht mit. Nun rennen sie fast, ganz voller Elan …

„Jaaaaa!“ Mit seinen Jubelschreien lässt mich der Süße hochschrecken. Wie, schon vorbei? Ist das Spiel schon zuende? Ja. Ich habe da wohl was nicht mitgekriegt: Unsere Berliner siegen völlig unangestrengt mit 3:0 (25:19, 26:24, 25:23) gegen Bottrop. Völlig angestrengt hingegen scheinen mir die Ersatzmänner zu sein: Sie sitzen halb zusammengesunken wie nasse Säcke auf der Bank. Als wir gehen, werfe ich ihnen ein ermunterndes Lächeln zu.

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