Heimat ist ein Gefühl

Als Kind habe ich an heißen Sommerabenden träumend in einem der zahlreichen Bäume auf unserem Grundstück gehockt und mir ein Leben in freier Wildbahn oder im Dschungel ers(p)onnen. Ich brauchte dazu nur mich selbst. Einen Apfel in der einen, ein Buch in der anderen Hand, glitt ich in Gedanken an robusten Lianen herab, fuhr in einem Kanu auf einem reißenden Fluss oder spielte mit wilden Tieren.

Was für mich eine fantasiereiche Vorstellung war, die ich nur aus Erzählungen kannte, ist für manche Kinder Alltag, zum Beispiel für Sabine Kuegler. Wer gern und oft liest und die Bestsellerlisten verfolgt, kennt ihre Geschichte: Die heute 36-Jährige, die in Nepal geboren wurde, lebte von klein auf mit ihren Eltern (beide Missionare und Sprachforscher) und Geschwistern in West-Papua/Indonesien bei den Fayu, einem damals gerade erst entdeckten Kannibalenvolk, um unter anderem Entwicklungshilfe zu leisten und Frieden zwischen die vier verschiedenen Stämme zu bringen.

In ihrer Autobiographie Dschungelkind beschreibt Sabine Kuegler detailgetreu die Erlebnisse und Erfahrungen aus Kindersicht und ohne politische Stellungnahme, die hier auch absolut fehl am Platz wäre: Sie ist wieder ein kleines Mädchen und spielt mit den Fayu-Kindern, isst Würmer, badet im Fluss mit Krokodilen und sammelt jedes Tierchen, das ihr über den Weg krabbelt. Das kleine Mädchen mit dem strohblonden Haar wächst in unberührter Natur auf und lernt von den Einheimischen, wie man Waffen baut und jagt. Das Wort Angst kennt Sabine nicht. Sie lebt in einem Paradies und genießt ihr Glück fernab jeglicher Zivilisation.

Als sie 17 Jahre alt ist, muss Sabine Kuegler dem Dschungel den Rücken kehren und geht auf ein Internat in der Schweiz. Auslöser für das Verlassen ihrer Heimat ist der Tod eines geliebten Fayu-Freundes. Er war wie ein Bruder für sie, und sie fühlt, dass sie den Bruch mit ihrem derzeitigen Leben wagen muss. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Sabine „zwangszivilisiert“ sich selbst in Europa und erlebt einen Kulturschock. Alles erscheint ihr fremd; sie selbst erscheint als Fremde. Oft schaut man sie an als wäre sie von einem anderen Stern; weil sie andere Gewohnheiten, andere Vorstellungen vom Leben hat. Zu sehr hat sie der Dschungel geprägt, zu tief sitzt die Sehnsucht, wieder dorthin zurückzukehren. Doch sie weiß, dass dies inzwischen kaum mehr möglich ist…

Ich kenne nicht viele Menschen, die ein so lebendiges Strahlen in den Augen haben wie Sabine Kuegler. Bei „Beckmann“ sprach sie 2005 über ihr Leben im Dschungel. Das Leben in der Wildnis sei physisch zwar anstrengender, doch wäre sie dort nie unglücklich gewesen. Die hiesige Zivilisation empfindet Kuegler als psychisch belastender, wenn auch körperlich leichter. Heute lebt sie mit ihren mittlerweile vier Kindern im Norden Deutschlands und schlägt sich tapfer durchs Leben. Doch angekommen ist sie hier nicht.

Bei allem, was Sabine beschreibt, sehe ich sie als kleines Mädchen direkt vor meinen Augen. Ich kann tief eintauchen in das, was sie erlebt und gesehen hat; weil sie es bildhaft darstellt – mit vollem Körpereinsatz und mit viel Herz. Bei jeder Frage, die Beckmann ihr stellt, leuchten ihre hellen Augen auf wie zwei kraftvolle Blitze. Sie lächelt kurz, dann antwortet sie. Und es spielt keine Rolle, ob in ihr schicksalhafte, traurige Erinnerungen wachgerufen werden. Als warmherziger, freundlicher Mensch lächelt sie selbst dann, wenn ein verbaler Schwertstich ihr Herz durchbohrt.

Oft wird Sabine Kuegler gefragt, wie sie es geschafft habe, im Dschungel zu überleben. Für einen kurzen Augenblick verschwindet dann ihr wunderschönes Lächeln, und sie sagt bestimmt, dass für sie der Umkehrschluss zählt: Sie wundert sich, dass sie das moderne Leben hier meistert.

Ich spüre, während ich das Video im Internet sehe, mit jeder Faser das Leid und die Sehnsucht, die sie empfindet und wünsche ihr von Herzen, dass es ihr gelingt, zurück zu sich selbst zu finden – wo auch immer sie sein mag. Denn, wie sagt sie selbst so schön: „Heimat ist ein Gefühl“.
Recht hat sie.

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Theater im Blog oder: Wie werde ich glücklich?

In der aktuellen Wochenendausgabe einer meiner Lieblingszeitungen, der Süddeutschen Zeitung nämlich, findet sich ein Artikel mit dem Titel „Kunst oder Leben! – Theater im Blog oder Wie werde ich glücklich?“. Geschrieben hat ihn der Regisseur, Autor und Journalist Rainer Stephan. So weit, so interessant. Ich lese also – und stocke. Lese noch einmal. Denn wer kommt darin vor? Die Coralita. Ich lese weiter – und staune. Vielleicht werde ich sogar ein bisschen rot, wie gut, dass das niemand sieht. Herr Stephan nimmt tatsächlich Bezug auf meinen Blog! Er macht sich das fehlende Interesse am Kulturellen im Allgemeinen – und hier im Speziellen des Theaters – in der Bloggerlandschaft zum Thema. So schreibt er unter anderem:

Über alles, was Menschen aus welchem Grund auch immer interessiert, wird im Internet geredet. Der Umkehrschluss daraus hieße: Worüber in den mittlerweile zahllosen Internet-Blogs nicht geredet wird, interessiert auch keinen Menschen. Das Theater zum Beispiel: Es gibt kaum ein Thema auf der Welt, das in den virtuellen Meinungsaustauschbörsen derart selten auftaucht.

Anschließend kommt er darauf zu sprechen, dass im Grunde niemand mehr Blogeinträge zum Thema Theater zu „würdigen“ weiß und diese ob des Desinteresses unbeachtet – und unkommentiert – lässt. Als Beispiel führt er meine Theaterrezension zum Henrik-Ibsen-Stück Hedda Gabler an. (Über diesen Aspekt hatte ich mir selbst bereits zu anderer Zeit und andernorts Gedanken gemacht. Es ist nicht nur das Theater an sich, sondern es sind auch andere Arten der „älteren Zerstreuung“, die bei den Menschen – damit sind insbesondere die jüngeren gemeint – immer weniger auf Interesse stoßen: Lesen zum Beispiel oder klassische Musik.

Danke, Coralita! Ohne dich wäre das Theater mittlerweile mausetot. Seine Überlebensprognose sieht dennoch ziemlich finster aus.

Ich bin ergriffen, stolz und ein bisschen peinlich berührt sogar. Aber die Freude siegt letztlich, ich bin dankbar.
Nur den von Herrn Stephan angefügten Link zu meinem (alten) Blog gibt es nicht mehr. Wer die Rezension zu Hedda Gabler lesen möchte, kann das jetzt HIER tun. Und wer den vollständigen Artikel von Rainer Stephan unter die Lupe nehmen möchte, klickt bitte auf den Screenshot hier:

Süddeutsche Zeitung vom 20./21. Oktober. Teil: WOCHENENDE, Seite 2

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Der Schatten des Windes

Von meinem Liebsten habe ich kürzlich das Buch „Der Schatten des Windes“ geschenkt bekommen. Ich habe es noch nicht durchgelesen, habe noch nicht einmal die Hälfte der Seiten hinter mich gebracht. Dennoch weiß ich schon jetzt, dass es eines meiner absoluten Lieblingsbücher sein wird.

Zum Inhalt:
Der kleine Daniel findet in einer alten Buchhandlung (der „Friedhof der vergessenen Bücher“ genannt) das Buch „Der Schatten des Windes“, liest es und ist hellauf begeistert. Die Geschichte reißt ihn mit, er möchte mehr über den Menschen erfahren, der sie verfasst hat… Es gibt scheinbar nirgends Informationen über ihn. Von einem alten Buchhändler erfährt Daniel schließlich, dass alle Bücher des ominösen Schriftstellers, Julián Carax, der spurlos von der Bildfläche verscheunden ist, verbrannt wurden und das Exemplar, das im Besitz des Jungen ist, das einzige seiner Art ist…

Eine ausführliche Rezension, die mich mit Spannung erwarten lässt, was ich bereits jetzt vermute, findet sich auf den Seiten von Dieter Wunderlich.
Er beschreibt, dass sich am Ende die Geschichten von Daniel und Julián schicksalhaft zusammenzufügen scheinen…

Das Buch ist nicht etwa, wie man auf den ersten Blick annehmen könnte, ein Fantasy-Roman, sondern erzählt eine realistische Geschichte.
Ich bin gespannt und empfehle das Buch schon jetzt!

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