Echt nicht einfach

Der Liebste und ich sitzen in der Berliner S-Bahn. Unsere Ringbahn S 42 ist völlig überfüllt, verschiedenste Gerüche, die angesichts dieser Situation wohl nicht zu vermeiden sind. Das Schneechaos ist zwar fast vorüber, doch Autofahrer meiden das Benutzen ihres Vehikels noch immer. Man hat kaum Platz zum Atmen hier im Zug. Mal ist es der Ellbogen, der einem an den Kopf donnert, mal ist es der Rucksack, der einem in die Seite gerammt wird.

Doch dann haben wir Glück: Zwei Plätze einer Viererbank werden frei. Wir sitzen uns am Fenster gegenüber. Der Süße fährt vorwärts, ich sitze mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Wir schnaufen und grinsen uns an. Hähä! Endlich sitzen! Uns zur Rechten sitzt eine junge Frau mit drei kleinen Jungs. Sie sind schätzungsweise zwei, sechs und sieben Jahre alt. Allesamt tragen sie Pudelmützen. Wahrscheinlich sind sie Brüder oder Cousins, denn sie sehen sich sehr ähnlich.

Die Jungen nennen die brünette Frau „Maria“. Die Mutter der Kleinen kann sie nicht sein, philosophiere ich so still vor mich hin. Sie kann es unmöglich sein: Zum einen ist sie viel zu jung, um dreifache Mama zu sein. Und zum anderen? Naja: Welches kleine Kind spricht seine Mutter heute noch beim Vornamen an? Das ist doch out. Jaja, es gibt da bestimmt so einige Ausnahmen. Aber Maria gehört mit Sicherheit nicht dazu: Peinlich berührt guckt sie, wer denn guckt. Vielleicht ist Maria die Babysitterin. Ja – oder ein Au Pair! Ich denke an meine Schwester Anna-Maria. Sie hat ein Jahr in Colorado bei einer Familie mit ihren zwei Kindern verbracht. Ich habe sie dort einmal besucht. Diese Landschaft … Das ist jetzt eineinhalb Jahre her …

Lautes Juchzen weckt mich aus meinem Tagtraum. Die Kinder hüpfen auf ihren Sitzen herum, grinsen sich frech an, werfen mit Bonbonpapier nach sich oder strecken sich die Zungen raus. Maria rollt einmal genervt mit ihren hübschen dunklen Augen. Sie wird mit Fragen rund um das Bahnfahren regelrecht bombardiert.
„Maria, warum ruckelt das so?“
„Duhu, Maria? Warum setzt sich der Mann nicht hin? Hier sind doch Plätze frei!“
„Mariaaaaaa? Warum macht der Zug immer so ein Getute, wenn der losfährt?“
Et cetera perge perge.

Die junge Frau versucht jede Frage so gut wie möglich zu beantworten, doch bei einer Frage gibt sich der Sechsjährige so gar nicht zufrieden.
„Maria, warum sind hier so Stangen?“
Dem ganz Kleinen fällt die Weihnachts-Pudelmütze in den nassen Schmutz am Boden. Er verzieht energisch den Mund und schaut Maria an. Maria hebt die Mütze auf und gibt sie dem Jungen.
„Da musst besser darauf aufpassen, Marius.“
„Mütze nich sauber!“, sagt der Marius jetzt ein bisschen wütend.

„Mariaaa!! Wozu ist denn nun die Stange!?“ Ein tiefes Seufzen.
„Die sind für die Leute, die nicht sitzen möchten. Man muss nämlich nicht sitzen, sondern kann hier auch stehen.“
Das hätte sie besser nicht gesagt. Der Kleine springt auf und steht nun im Gang. Natürlich hält er sich an der Stange fest. Maria schaut ihn ungläubig an. „Setz Dich bitte wieder hin!“
„Du hast doch gesagt, man muss nicht sitzen.“ Aus großen Augen schaut der Kleine die Große an – zugegebenermaßen recht provozierend.
„Vor allem hab ich gesagt, Du sollst Dich wieder hinsetzen!“ Marias Stimme bebt. Nein, sie klingt jetzt ganz und gar nicht mehr geduldig und aufmerksam. Sie möchte nach Hause. Man sieht es ihr förmlich an.
Ich habe Mitleid mit ihr und lächele sie an, als sie verlegen in meine Richtung schaut. Ein betretenes Grinsen zurück aus ihrer Richtung.

„Nächste Station: Westend“, sagt die Lautsprecherstimme in der Bahn.
„Wir müssen raus!“, schreit Maria – fast erleichtert diesmal.
Die Jungen hüpfen an uns vorbei in Richtung Tür. Maria stiefelt hinterher.
„Au Pair sein ist echt nicht einfach“, flüstert sie mir zu und lächelt mich dabei an.

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2 Antworten auf „Echt nicht einfach“

  1. wie schön… da kamen gerade so viele Erinnerungen hoch.

    das absurde ist, dass ich all solche Fragen total vermisse… und dieses gekuschle mit den Kleinen und wenn sich Carston Spaghettie ins Gesicht geschmiert hat oder Brooklyn wie gefesselt vor dem TV saß um Spongebob zu gucken. 🙂

  2. Anna-Maria: Das glaube ich Dir. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie neugierig und weise Kinder durchs Leben gehen. Und erstaunlich ist auch, wie sehr das später abhanden kommt … Da lobe ich mir doch meine Kindsköpfigkeit! 😛

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